Weintour nach Mallorca – Teil 1

, am 17:07

Mit Mallorca verbindet man ja so einiges: Massentourismus, Ballermann, überfüllte Strände, Horden von Prolltouris aus Deutschland und England. Aber auch eine herrliche Landschaft mit phantastischer und abwechslungsreicher Küste, kristallklarem Wasser und selbst im Oktober noch sommerliches Sonnenbrand-Wetter. Fußballtechnisch der RCD Mallorca, der sich momentan im Mittelfeld der Premiera División hält. Aber Wein?

Für mich war mallorquinischer Wein absolutes Neuland, was die Sache natürlich um so spannender machte. Der “AN/2″ vom Weingut Anima Negra war mir bekannt und auch positiv in Erinnerung. Ein bisschen Recherche war also angesagt. Dabei gab es das erste Aha-Erlebnis, denn es gibt auf Malle mehr Qualitätsweingüter, als man auf einer Reise besuchen kann. Der empfehlenswerte Weinguide “Mallorca Wein 11/12″ (www.mallorquiner.com) beschreibt 48 Winzer, und eigentlich klingen alle vielversprechend. Da hieß es vor allem erst mal, eine Auswahl zu treffen. Die Tipps von Großmeister C. Grenouille waren dabei natürlich hilfreich. So war die erste Tour in die Region Binissalem im Norden geplant, die zweite nach Pla i Llevant in der östlichen Ebene.

Das Organisieren war trotzdem nicht so leicht. Bei einigen war ne Anmeldung erforderlich. Viele machen am Nachmittag die übliche Siesta, das galt es zu berücksichtigen. Und da die Weingüter quer über der Insel verstreut liegen, sollte es natürlich auch geografisch-logistisch einen Sinn ergeben.

Der mallorquinische Wein erlebt erst seit 10-20 Jahren ein Revival. Heute werden nur 1.300 ha bewirtschaftet. Wenn man durch die Insel fährt, muss man schon sehr genau hingucken, um Reben zu finden. Die Landschaft wird vor allem von Olivenbäumen geprägt. Die Winzer konzentrieren sich auf qualitativ hochwertige Erzeugnisse. Die Bedingungen dafür sind ideal. Das sehr ausgewogene Klima und entsprechenden Böden bringen volle Weine mit nachhaltigem Geschmack hervor. Zwar sind viele Erzeugnisse nicht so extrem lagerfähig wie die anderer Regionen Europas, doch gerade die typischen autochronen Trauben Mallorcas wie Mantonegro, Callet oder Fogoneu bei den Roten und Prensalll, Parellada oder Macabeu bei den Weißen geben ihnen eine ganz spezielle, eigenständige Prägung.

Die erste Tour ging in Richtung Norden. Ziel war die Bodegues Ribas in Consell. Wie ihr seht schreibt sich hier vieles etwas anders. Offizielle zweite Amtssprache ist Mallorquin, ein katalanischer Dialekt, der überall sehr präsent ist. Ribas feiert in diesem Jahr sein 300-jähriges Jubiläum und ist damit das älteste heute noch bestehende Weingut der Insel. Araceli und Javier Ribas, zwei weit gereiste (Argentinien, Kalifornien, Spanien) Önologen, leiten das Unternehmen in der 13. Generation. Nach alter Vätersitte gehen 12% der Produktion als “Vino al granel”, lose verkaufter Tafelwein, an die Bewohner des Ortes. Eine Art Zapfstation steht zur Selbstbedienung dafür bereit. Prima Sache. Die Rebstöcke sind 40-50 Jahre alt und bei der Lese wird per Handselektion ein enormer Aufwand betrieben. Aus den 40 ha werden jährlich 150.000 Flaschen gewonnen, ein ökologisch einwandfreier Anbau der vorwiegend aus autochtonen Varietäten bestehenden Trauben ist selbstverständlich. Consell ist einer dieser typischen kleinen Städtchen im Inselinneren mit nettem Platz, ein paar Cafés und wenig Touris. Im kleinen Verkaufs- und Probierraum starteten wir mit einem wunderbar gelbfruchtigen 2010er Blanco, bestehend aus Prensall (80%) und Viognier aus 64 Jahre alten Reben. Anschließend durften wir den “Sona” kosten, von dem nur 1.700 Flaschen gemacht wurden. Vom reinsortigen Viognier reiften 30% für ein halbes Jahr im Barrique. Ein Duft nach alter Steinmauer, auf der Zunge weich und buttrig. Den Cliffhanger machte der 2010 Rosado, der zu 50% aus Mantonegro gemacht wurde, verschnitten mit Callet und Syrah. Farbe und Geruch typisch, Geschmack kraftvoll und trocken.

Die Tintos starteten mit dem 2009er “Sió” aus 64jährigen Reben, der ebenfalls zur Hälfte aus Mantonegro besteht, ergänzt durch Syrah, Cabernet Sauvignon und Merlot. Diese Assemblage macht Sinn, weil Mantonegro solo viel zu dick und breit werden würde. In der Nase kitzelt leichtes Tannin und eine dezente Frucht, am Gaumen leicht säuerlich und mit Schmackes. Gefällt, könnte aber noch 1-2 Jahre Lagerung vertragen. Spätestens beim “Sió 300″, unschwer zu erraten der Jubiläumswein, unterschrieb ich die Beitrittserklärung zum Mantonegro-Fanclub. Diese  Traube entfaltet hier ihr ganzes Können! Ein schwungvolles Fruchtgewitter erfreut meine Sensoren. Dass nur 1.200 Flaschen von diesem Wein produziert wurden, ist definitiv ein Verbrechen. Den Abschluss machte der zusammen mit dem Winzer Miguel Gelabert hergestellte 2008er “Autocton” bestehend aus Callet, Mantonegro, Giro und Gargollasa. Im Näschen etwas entspannter, auf der Zunge am Anfang rund, dann ein leichtes Kirschbitter und ordentlich Tannin im Nachhall. Nicht übel, Platz 2 in dieser Runde.

Zu meinem, aber nicht ihrem Glück mag meine charmante Begleitung S. Onne keinen Rotwein und konnte nüchtern das Auto steuern, was uns nach Binissalem zur Bodegues José Luis Ferrer bringen sollte. Schon die Größe des Hauses und die riesigen Kelleranlagen zeugen davon, dass wir es hier mit einem Big Player auf der Insel zu tun hatten. 1931 gegründet werden heute 98 ha mit einem Output von 1 Mio Flaschen per anno bewirtschaftet, von denen 70-80% auf Mallorca verkauft werden. Während der neue, großzügige Schankraum gerade gebaut wurde, probierten wir, auf den alten Schienen stehend, den Blanc de Blanc. Zwischendurch-Weinproben sind hier eigentlich nicht üblich. Entweder bucht man eine komplette kostenpflichtige Tour durch die Anlange mit anschließender Probe von vier Weinen oder man muss glasweise bestellen, was für uns nicht in Frage kam, denn wir wollten uns nicht besaufen, sondern nur jeweils einen kleinen Probierschluck. Zum Glück zeigte sich die Dame vom Dienst flexibel und wir entschieden, uns auf die Mallorquinischen Sorten zu konzentrieren. Der BdB (80% Moll + Chardonnay und Moscatel) war etwas spitz in der Nase, doch intensiv fruchtig im Geschmack. Der hellrote Rosé roch fein nach Obst, zeigte aber mit knackig-frischem Pepp auf der Zunge Charakter. Sein ökologisches Pendant “Pedra de Binissalem” konnte mit einem fenwürzigem Duft und herrlichem Geschmack noch einen draufsetzen.

Sein roter, sechs Monate im Fass gereifter Mantonegro/Cabernet-Bruder hatte Anflüge von Metall in der Nase, wusste aber mit Power, Pfeffer, Kaffeeröstung und einem anständigen Nachhall zu überzeugen. Der “Añada Roble” überzeugte mich nicht. Der 08er Crianza mit 60% Mantonegro ist der beliebteste Wein bei dem Kunden, ich fand ihn okay, aber nicht überragend. Eine ordentliche Tanninfahne landet im Riechorgan, geschmacklich spröde, würzig mit fettem Nachhall. 21 Monate hatte der 2005er Reserva Zeit, in amerikanischen Eichenfässern seine intensiven, mineralischen Noten und seinen wuchtigen, warmen Geschmack zu entwickeln. 56% Mantonegro, 27% Tempranillo, 16% Cabernet Sauvignon – die 1% Callet habe ich sofort herausgeschmeckt ;-). Top! Vier Windmühlen. Eine Steigerung war der Reserva Especial leider nicht. 65% MN, 29% CS, 6% Tempranillo, 15 Monate im Barrique, um noch ein paar Zahlen fallen zu lassen. Zwei Windmühlen. Eine mehr bekommt von mir der gleichnahmige Crianza, der etwas entspannter rüber kommt und feine Nuancen von Zartbitterschokolafe aufweist.

Nächster Ort, nächstes Weingut: Bodegues Macía Batle in Santa María del Camí. Bekannt wurde das großzügig angelegte und durch zahlreiche Kunstwerke verzierte Haus durch die TV-Serie “Llágrima de Sang” über eine fiktive mallorquinische Winzerfamilie. Doch auch die Weine haben es in sich. Die Anbaugebiete liegen in einem hervorragenden Mittelmeer-Mikroklima, geschützt durch das Tramuntana-Gebirge, mit trockenen, langen, warmen Sommern, kurzen Wintern und leichten Regenfällen im Frühling und Herbst. Das Terroir ist reich an Kalzium, das Relief steigt sanft, die Reben liegen 75-200 m über dem Meeresspiegel. In dem gut bestückten Shop, in dem auch Souvenirs und andere Spezialitäten wie Meersalz, Olivenöl oder Pasten angeboten werden und in dem unzählige Auszeichnungen an den Wänden hängen, probierten wir zuerst den “Blanc Unic del Llaut”, der 2 Monate im Barrique reifte, was ihm neben Ananas ein leichtes Holzaroma verleiht. Er besteht zu 70% aus Prensall und 30% Chardonnay, trotzdem schmeckt er kaum cremig, sondern kräftig mit heller Frucht. Sein großer Bruder, der “Blanc Unic” 2010 hat dieses Cremige dafür um so mehr, kein Wunder, nach immerhin 7 Monden im Fässchen. Leider beißt er etwas in der Nase. Bedauerlicherweise waren der Blanc de Blanc und der Rosado ausverkauft.

Also ging’s mit “negre” weiter, erst mal mit dem einfachen “Añada” aus 50% Mantonegro. Heller Duft mit feiner Würze, geschmacklich durchaus mit Muskeln ausgestattet, würzig, aber noch etwas unausgegoren, was wohl dem jungen Alter (2010) geschuldet ist. Trotzdem und auch aufgrund des fairen Preises 2 Windmühlen. Der Crianza 2008 war da schon anderer Natur, immerhin 10 Monate im Barrique und 14 in der Flasche gereift. Der eigenwillige Kirschduft verleiht ihm Charakter, im Mund dick und mit der amtlichen Portion Tanninwürze, Lakrize und Waldfrucht. Trauben wie üblich Mantonegro, cuviert mit CS und Syrah. Der nächste Tropfen nennt sich “Col-Leccio del Lector” 2008. Die Fässer wurden stärker getoastet, doch in der Nase eher dezent wie einer von Ferrer. Doch dann ein ausgewogenes Geschmackserlebnis mit schön langem Tanninabgang. Drei Mühlen. Die “Edicion Especial Niels Jensen” Crianza ist eine Sonderabfüllung aus dem Jahre 2008, je 1 Jahr Barrique und Flasche. Vom Duft her ähnlich dem Crianza, doch geschmacklich mir zu herbe. Heiko und C. Grenoille hätten ihre Freude daran, ich mag’s ja lieber etwas fruchtbetonter. Und auch der Reserva 2007 ist so ein Heiko/Grenoille-Beißer. 14,5% Alkohol, je 18 Monate Fass und Buddelreifung. Herbe, was zum Kauen. Eine Windmühle, mehr ist nicht drin. Doch als Entschädigung und um die Zunge wieder zu entkrampfen gab’s noch zwei Leckerlis. Und zwar einen “Blanç i Dolç” aus 100% Prensall und seinen roten Partner “Negre i Dolç” aus Mantonegro. Beides Spätlesen, 12 Monate im Barrique ausgebaut, was man auch schmeckt, der Rote wie ein Stück selbstgebackener Kirschkuchen mit Kaffee in der Nase, geschmacklich hintergründig süß, wie Pfefferschokolade, und das mit immerhin 14 Volt. Der Weiße ganz fein in der Luft, geschmacklich das Stück Honigmelone, was man in den Schokobrunnen gehalten hat. Hmmmmm….. Vier Windmühlen und eine Flasche vom Negre to go ins Gepäck, der Blanç war leider ausverkauft. Ich bin immer wieder begeistert, was für wunderbare Süßweine europaweit produziert werden mit einer unglaublichen Variabilität. Und auch diese haben einen ganz eigenen Charakter, etwas ähnliches habe ich noch nicht getrunken.

Der zweite Teil des Berichts folgt in kürze…

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