Endlich dicht!

, am 13:15

Das Elend hat ein Ende: Nach sinnlos verbrachten Jahren in schlecht belüfteten Räumen, die im Winter nicht richtig warm wurden und in denen man im Sommer nicht richtig atmen konnte (geschweige denn Wein in angemessener Temperatur trinken), muss sich der geneigte Autor nun gezwungenermaßen endlich eine richtige Weinbar suchen. Und das ist auch gut so!

Denn nachdem man mithilfe mieser Propaganda (“machen Fanladen-Heiko und Splitter-Räff jetzt ’ne Weinbar, die Fanszene übernimmt das Viertel. …“) erstmals in den Neuen Kamp verschleppt worden war, blieb man ja praktisch von allein dort sitzen. Weil: Es war ja so nah. Und: Man konnte ja der gesamten St. Pauli Bekanntschaft eh keinen anderen Laden zum Weintrinken mehr vorschlagen.

Schwuppdiwupp war man also hineingezogen und saß fortan an Hochtischen, auf zur Folter angeschafften Hockern ohne Lehne mit rückenschmerzverzerrtem Gesicht und lief zum Tresen, wo zwei feiste Gangster ihrem vinophilen Sadismus freien Lauf ließen und 0,1l-Gäser zum Preis von dreien verkauften. Kein Problem, wenn wenigstens das Angebot gestimmt hätte. Aber nichts da: Champagner? Zu teuer! Gigondas? Bestellt keiner! Barbera? Ist völlig out. Derart abgefertigt kehrte man schließlich stets mit Riesling, Rioja oder Spätburgunder zurück an seinen Tisch, trank kleinlaut und hoffte auf Datteln im Speckmantel. Wenn diese allerdings wie meistens bereits vollständig von einer der Herzensdamen eines Patrons vernichtet worden waren, hieß es je nach Uhrzeit lapidar: „Geh doch ins Raval oder zur Dönerbude!“ Mal ehrlich: Ist das ein Umgang mit ernsthaft Weinabhängigen? Wohl kaum.

Ähnlich verhielt es sich mit der Bier-Manie: Um das gewohnte Fußballpublikum trotz fehlenden Fernsehers nicht vollständig zu verschrecken, wurde stets viel Wert auf die Vorhaltung absurder Biersorten für norddeutsche Proleten (Dithmarscher) Wert gelegt, später ergänzt um ähnliche Produkte (Nut Brown Ale) für die befreundete schottische Working Class.

Das Weinsortiment, um das es ja eigentlich hätte gehen sollen, wurde nach ebenso wesensfremden Kriterien hochgezogen, nämlich streng nationalistisch. Motto: Hauptsache deutsch! Riesling, Riesling, Riesling – später sogar mit eigenem Ettikett – Spätburgunder, Spätburgunder, Spätburgunder. Um der ja als vermeintlich staatsfern charakterisierten St. Pauli Szene zu schmeicheln, wurden noch ein paar Alibi-Weine befreundeter „Stämme“ in die Karte integriert: vor allem natürlich Rioja für die Basken. Gehetzt wurde dagegen gegen Zweigelt – denn die Nazis waren ja bekanntlich alles Österreicher. So sieht sie also aus, die önologische Vergangenheitsbewältigung.

Wehe dem, der es da gewagt hat, da nach einem schönen Kalifornier, Südafrikaner oder gar israelischen Wein zu fragen. Da verfinsterten sich die Minen und ein Freund des Hauses tauchte aus einer finsteren Ecke auf, drückte einem erneut eine Flasche Spätburgunder mit einem sehr verdächtig rautenförmigen Etikett (siehe Beweisfoto) in die Hand und sagte: „Trink dies Ahnungsloser, dann darfst Du später vielleicht auch mal einen Bordeaux aus einer Großflasche probieren.“

Derart eingeschüchtert trank man vor sich hin, schwor sich, dass kein Weg zu weit nach Eppendorf sein könne und summte stets dieselben Lieder, denn es lief ja nur eine Kollektion in Heavy Rotation: Uhlmann, Kettcar, Ton Steine Scherben, IRA und Baskenland – und noch mal von vorn. Mal ehrlich: Welchem Nachbarn wären da nicht irgendwann die Sicherungen durchgebrannt? Nein, das alles musste ein Ende haben. Für die Weinkultur in dieser Stadt. Für Aufklärung und Internationalität. Für Transparenz statt Vetternwirtschaft. Und für meine Leber.

Doch was sehen meine entzündeten Augen? Die Mafia macht unter neuem Namen weiter: „Die Weinbar im Café Latte. Wohlwillstraße 49“. Die Weinbar ist tot, es lebe die Weinbar. Da das Elend nun einmal Gesellschaft liebt und am Ende ja doch kein Schwein nach Eppendorf will, würde es mich sehr freuen, Sie dort zu sehen!

2 Reaktionen zu “Endlich dicht!”

  1. Weinbar «

    [...] http://blog.weinbar-stpauli.de/?p=1290 [...]

  2. Raphael

    Wir sind zutiefst empört und protestieren hiermit auf allerschärfste gegen diesen hinterhältigen Hetzartikel! Der auf dem “Beweisfoto” abgebildete Wein ist nämlich keinesfalls ein Spätburgunder, sondern eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Dornfelder und Cabernet Mitos! So sieht das nämlich aus! Und nicht anders!

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