Weinbar-Artikel im Übersteiger

, am 08:00

Nachfolgender Artikel erschien in der letzten Ausgabe des größten St.-Pauli-Fanzines „Der Übersteiger“, Nr. 105 vom 27.11.11. Darin wird auch beschrieben, wie es zur Kündigung gekommen ist.

Wir bedanken uns dafür und empfehlen hiermit allgemein und sowieso den Kauf des Übersteigers. Check www.übersteiger.de.

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Viel Lärm um Wein

Die Weinbar Sankt Pauli hat mit ihrem unverwechselbaren Konzept und den außergewöhnlichen Events bereits für einiges an Aufsehen in der Hamburger Kulturszene gesorgt. Hier gab es qualitativ gute bis hochwertige Drinks zu kleinen Preisen, dazu kleine, leckere Snacks. Die Getränke kamen ausschließlich von konzernunabhängigen Produzenten, möglichst aus der Region. Die Auswahl unterschied sich vom Mainstream der meisten Kneipen Hamburgs. Gerade Nicht-Weinexperten liebten die Möglichkeit, ohne Angst an das klischeebehaftete Thema Wein ranzugehen. Neben verschiedenen kulturellen Veranstaltungen wie Lesungen oder Livemusik gab es zahlreiche Degustationen, Weine zu bestimmten Themen, Bier, Rum, Whisky usw.

Viele Menschen aus St. Pauli und außerhalb sind begeisterte Stammgäste geworden, natürlich auch viele Fans unseres FC. Auf Veranstaltungen konnten wir Geld für gemeinnützige Organisationen sammeln und spenden, u.a. Fanräume e.V., OGSY Kenia-Projekt, KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Wir waren fester Bestandteil des Stadtteils und hatten ein hervorragendes Verhältnis zu unseren Nachbarn am Neuen Kamp, mit denen wir sogar schon ein Straßenfest organisiert haben. Inhabergeführte und preiswerte Läden haben es in einem Quartier wie dem Schanzenviertel ohnehin immer schwerer. Die Idee der „Weine fürs Volk“ und unser Konzept setzte der Gentrification etwas entgegen.

Damit ist es jetzt vorbei. Wir wurden rausgeworfen. Unser Mietvertrag wurde zum 30.11.11 gekündigt. Hintergrund sind Lärmbeschwerden eines Mieters im Haus, der sich „beim Fernsehen gestört“ fühlt. Viele von Euch haben die Sache verfolgt, seit wir am 01.09.11 mit der Information der Kündigung an die Öffentlichkeit gegangen waren. Unzählige Male mussten wir Freunden und Gästen die Situation erläutern. Niemand konnte es wirklich verstehen oder nachvollziehen, uns selbst eingeschlossen.

Also, wie konnte es dazu kommen? Hier ein gekürzter Abriss der Ereignisse:

Im Februar 2011 gab es in der Weinbar eine Geburtstagsfeier. Da die Gäste gerne tanzen wollten, liehen wir uns eine DJ-Anlage. Auch wenn wir die Party vorher angekündigt hatten, beschwerte sich der Nachbar bei uns über dem Lärm. Wir einigten uns darauf, dass es bei Feiern keine extra aufgebauten DJ-Anlagen mehr geben wird, auch wenn uns dadurch wichtige Einnahmen verloren gehen. Daran haben wir uns bis heute gehalten.

St. Patrick´s Day 17.03.11: In der Weinbar tritt die Irish Folk Band „Millerntor Brigade“ auf. Die Band spielt vorrangig unplugged, und das ist auch Vorgabe bei allem Konzerten in der Weinbar. Doch ganz ohne geht natürlich nicht, so hat der Bassist einen kleinen Verstärker dabei, weil er sonst gar nicht zu hören wäre. Während des Aufbaus kommt besagter Nachbar nach Hause, sieht von außen den Verstärker und beginnt wutentbrannt zu lamentieren, dass wir „keine Verstärker“ vereinbart hätten. Dazu ist folgendes anzumerken: Feiern mit DJ gehen oft bis spät in die Nacht. Konzerte dagegen dauern inklusive Pausen nie länger als zwei Stunden und sind um 22 Uhr beendet – eine Uhrzeitgrenze, die wir aus Rücksichtnahme extra eingeführt hatten. Das haben wir dem Mieter versucht zu erklären, doch eine Diskussion war nicht möglich und seit dem wurden alle Versuche, miteinander zu reden, von ihm abgelehnt. Nicht mal ein eingeschalteter unabhängiger Mediator konnte etwas erreichen. Interessant dabei ist, dass dieser Mieter etwa Mitte 30 ist und wie ein typischer Schanzenbewohner aussieht. Und wohlgemerkt: Es geht nicht mal darum, dass er nicht schlafen kann, denn sein Schlafzimmer geht nach hinten raus.

Kurze Zeit später erhielten wir einen auf den 24.03.11 datierten Brief von der Hausverwaltung. Dort habe man „eine sehr detaillierte Schilderung einer Mieteinheit“ über unsere „geänderte Geschäftsgestaltung“ erhalten. Das „vorgestellte Konzept einer Weinbar, dass u. a. eine frühabendliche Weinverkostung mit kleineren Speisen im ruhigem Ambiente vorsah, scheint beendet zu sein. Vielmehr werden nun auch regelmäßig Livemusik und andere Veranstaltungen (…) durchgeführt“. Wir antworteten mit einem Schreiben, in dem wir deutlich machten, dass sich unser Konzept keinesfalls geändert hat und dies ausführlich begründeten.

Eine Antwort darauf gab es keine. Stattdessen erhielten wir gut einen Monat später erneut einen Brief, mit dem lapidaren Text: „Wir sind wiederum von einer Mieteinheit darüber informiert worden, dass keine nachhaltige Lärmveränderung seit unserem letzten Schreiben stattgefunden hat. (…) Wir werden im Monat Mai einen stetigen Austausch mit der betroffenen Mieteinheit führen und dann anschließend entscheiden, ob es zu einer Aufkündigung des Mietverhältnisses kommen muss.“ Daraufhin riefen wir bei der Hausverwaltung an und fragten, wie es denn sein kann, dass diesem Mieter einseitig geglaubt wird, ohne unsere Sicht der Dinge zu erfragen oder sich selbst ein Bild von der Sache zu machen. Die Antwort: „Ich habe große Erfahrung in diesen Dingen. Selbst wenn ich die üblichen Übertreibungen abziehe, bleibt immer noch genug übrig.“ Wir forderten darauf ein klärendes Gespräch, um Klartext zu reden. Das wurde mit den Worten „Dafür habe ich keine Zeit“ abgelehnt. Wir forderten das Lärmprotokoll an und setzten Ende Mai ein Schreiben auf, in wir unsere Position abermals deutlich machten, dass sich unsere Vermutung nach Analyse des Protokolls bestätigt hat: Der Mieter führt einen privaten Feldzug gegen uns, um unsere wirtschaftliche Existenz zu zerstören. Wir waren da bereits seit über 1,5 Jahren Mieter in dieser Immobilie. In dieser Zeit hat der Betrieb unserer Bar den Mieter offenbar nie gestört. Das von ihm angefertigte Lärmprotokoll ist größtenteils unglaubwürdig. Wir führten einige Beispiel auf, so u.a. ein Sonntag, an dem es Lärmbelästigungen gegeben haben soll, wir aber gar nicht geöffnet hatten.

Es sollte sich aber auch die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen: Der Neue Kamp ist eine laute und belebte Straße. Tags wie nachts sind viele Menschen unterwegs. Dom, Feuerwerke, Flohmärkte, Fußballspiele, Demonstrationen und Polizeieinsätze sorgen für eine große Geräuschkulisse. Das Schanzenviertel ist insbesondere an den Wochenenden und abends ein beliebtes Ausgehviertel. Der Neue Kamp ist eine vierspurige, tags wie nachts vielbefahrene Straße. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit unsere kleine Bar überhaupt eine Rolle spielt. In 97 % aller Monatstunden geht absolut keine Lärmbelästigung von uns aus. Es gab von keinem einzigen anderen Mieter im Haus bisher eine Beschwerde.

Das nächste, was daraufhin folgte, war keine Antwort, sondern die fristgemäße Kündigung zum 30.11.11. Doch damit nicht genug, im gleichen Schreiben heißt es: „Da durch eine Mietpartei nun für die Zukunft eine Mietminderung angekündigt worden ist, machen wir Sie schon jetzt darauf aufmerksam, dass wir den entstehenden wirtschaftlichen Schaden der Eigentümer dann als Schadensersatzanspruch geltend machen müssen.“ Wir nahmen darauf Kontakt zum Hauseigentümer direkt auf. Doch auch das war letztlich erfolglos.

Am 01. September informierten wir die Öffentlichkeit über die Situation. Das Feedback war gigantisch. Der Zuspruch, den wir bekommen haben, hat uns überwältigt. Neben zahllosen Mails, Beiträgen im Internet und persönlichen Gesprächen gründeten Gäste sogar eine Facebook-Gruppe „Rettet die Weinbar“, die innerhalb kürzester Zeit mehrere Hundert Mitglieder hatte. Engagierte Gäste initiierten sogar eine Online-Petition, die von über 500 Menschen unterschrieben wurde. Wir waren gerührt angesichts dieser Solidarität für unsere kleine Bar.

Doch es half alles nichts. Als wir schließlich mitbekommen haben, dass dieser Mieter sich auch beim Ordnungsamt über uns beschwert hat, waren wir mit der Sache dann auch durch und alle durchgespielten Optionen, die Location Neuer Kamp 19 auf irgendeine Art zu halten, hatten sich zerschlagen.

Hamburg schmückt sich gerne als weltoffene Stadt mit einer vielschichtigen Gastronomie-, Kultur- und Musikszene. Doch es reicht ein einziger Querulant, um das zu torpedieren.

Eine häufig gestellte Frage an uns ist natürlich „Habt Ihr schon was Neues?“. Im Moment orientieren wir uns beruflich anderweitig, weshalb das Öffnen einer neuen Weinbar auf absehbare Zeit nicht in Frage kommt. Der Umstand, dass alle aktuell angebotenen Objekte zu teuer sind (Miete und/oder Abstandsforderung) oder nicht den richtigen Standort haben, kommt hinzu. Wir wollen und können nicht so viel Geld in ein neues Objekt stecken, ohne unser Konzept der niedrigen Preise zu verwässern. Doch das Projekt Weinbar Sankt Pauli bleibt erst mal bestehen, so wie zu Beginn, auch ohne Laden. Wir werden punktuell Veranstaltungen machen und sind für Proben oder Feiern auch buchbar.

Die Weinbar war ein bemerkenswerter Erfolg. Wir verlassen den Neuen Kamp erhobenen Hauptes als moralische Sieger und werden weiterhin unseren Weg gehen. Mit uns ist in Zukunft zu rechnen. Der Herr Nachbar dagegen hat sich zur Wurst des Stadtteils gemacht.

Wir wollen uns an dieser Stelle bei allem Menschen bedanken, die der Weinbar geholfen, die uns unterstützt und am Ende die ihre Solidarität gezeigt haben. Und natürlich bei allen Gästen! Es hat einen Riesenspaß mit Euch Freaks gemacht! Danke!

Heiko, Raphael / Weinbar Sankt Pauli

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