Und es wurde Spätburgunder

, am 09:48

Von Andrej Reisin

Eigentlich sollten wir den Mann ja nicht verraten, aber es muss einfach sein: Zum Abschluss der heutigen Probe der Ersten Gewächse der Anbaugebiete Baden, Franken, Rheingau und Württemberg, des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) im Hamburger Hotel Louis C. Jacob brachte es Toni Viehhauser nicht übers Herz, dass wir einen „seiner“ Weine nicht probiert hatten. Offiziell hätten wir dies auch gar nicht mehr gekonnt, denn die Veranstaltung war bereits beendet.

Ein Spätburgunder!

Weil er aber augenscheinlich von den Weinen des Rheingauer Gutes „Georg Müller Stiftung“ ziemlich überzeugt ist, stellt er im Gehen kurzerhand eine geschlossene Flasche des 2009er Spätburgunders Hattenheimer Hassel, Erstes Gewächs auf den Stehtisch, wünschte viel Spaß und raunte noch kurz: „Aber verraten se misch net.“ Dem kann wie gesagt leider nicht entsprochen werden: Denn viel zu gut, zu schön, zu herzergreifend ist dieser Spätburgunder.

Von tiefer, rubin- bis granatroter Farbe mit dunklen Reflexen zeigt er von Anfang an, dass hier kein leichtes Wässerchen im Glas ist, sondern ein Rotwein, der den Vergleich mit den burgundischen Pinots nicht zu scheuen braucht. In der Nase setzt sich der optische Eindruck fort: Cassis und rote Beeren dominieren die Frucht, dicht gefolgt von stark würzigen Noten, ein wenig Tabak und ganz leicht balsamischem Kräuterduft. Im Mund dann ein junger Spätburgunder wie er strahlender kaum sein könnte: Noch ein wenig kühl im Angang, das Holzfass und den hohen Alkoholgehalt (14,5%) vollständig verschluckt, präsentiert er sich dann frisch und verspielt, mit herrlich süßer Frucht, einer äußerst angenehmen, belebenden Säure, saftigen Beeren und am Ende einem langen Abgang mit präsenten, mürben Tanninen und gaaanz viel Schokolade.

Die Hattenheimer Lage Hassel, aus der dieser formidable deutsche Rotwein stammt, liegt gut 100 Meter über dem Fluss und neigt sich leicht nach Süden. Die Lehm- und Lößböden speichern hervorragend Wasser, weswegen die Reben auch in trockenen Jahren genug Feuchtigkeit bekommen. Der Rhein hat hier eine seiner breitesten Stellen überhaupt und speichert so tagsüber die Wärme, die er nachts an die Reben abgibt.

Natürlich gab es auf der VDP-Probe auch viele andere schöne Weine, leider konnte ich selbst arbeitsbedingt erst sehr spät dort sein und daher nur einige Favoriten probieren. Von diesen blieben sowohl die Rieslinge als auch die Spätburgunder aus dem Hause Schnaitmann in sehr guter Erinnerung, ebenso die stets hervorragende Riesling-„Hölle“ von Künstler und der Weiße Burgunder Henkenberg aus dem Hause Salwey. Bei den Roten machten Hegers 2009er Winklerberg und eben Schnaitmanns 2009er Spätburgunder Fellbacher Lämmler das Rennen – bevor, ja bevor es dann die Gelegenheit gab, den Rest des Abends in das Ergebnis der Arbeit von Peter Winter zu tauchen, der für die Weine des Weingutes Georg Müller Stiftung verantwortlich zeichnet.

Auch, wenn es an Frevel grenzen mag, dass diese Flasche sich nunmehr bereits ihrem Ende neigt, statt dass wir fünf Jahre gewartet haben, so möchte ich doch das Glück dieses Abends, das der Zufall schenkte, keinesfalls missen: Vorher war es ein mühsamer Arbeitstag unter der kalten Hamburger Sonne gewesen, mit minus fünf Grad und Eis und Schnee und Stau – und was einem sonst noch so im Großstadtwinter blüht. Dann aber senkte sich die Sonne in einem herrlichen Panorama über die Elbe – und es würde Spätburgunder. Vielen Dank dafür – und Entschuldigung nochmals, dass wir es nicht für uns behalten konnten.

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