Frei-Weingesichter und Klosteine!

, am 18:27

Im dritten Jahr im Folge liessen wir uns die Premiere der Großen Gewächse der Prädikatsweingüter in Berlin nicht entgehen. Immer am ersten September-Montag gibt es erstmals die vermeintlich besten Weiß- und Rotweine der VDP (Vereinigung der Prädikatsweingüter) zu probieren. C. Grenouille und ich reisten unerschrocken ob der Fülle der zu erwartenen Gewächse mit dem überfüllten ICE nach Berlin. Reservierungen sind nur was für beigetragende Rentner und es gibt ja auch noch das Bordrestaurant zum Verweilen. Leider gab es das dieses Mal nicht und ohne Reservierung blieb nur der fleckige Teppich im windzerzausten Eingangsbereich. Die Laune stieg bis Berlin ins Unermessliche. Der Foyer- und Garderobenbereich der Gemäldegalerie war zum zweiten Mal der undankbare und dunkle Rahmen für die Winzer und das Fachpublikum wie wir.

125 Winzer und bestimmt 400 Weine standen zur Verkostung bereit. Nicht nur die Grossen Gewächse, sondern auch Lagen-, Orts- und Gutsweine. Grenouille und ich schwörten ganz viel auszuspucken und überraschenderweise gelang das auch ganz gut. Das lag aber eher an den Weinen als an unserer Disziplin. Der Weißweinjahrgang 2012 und der Rotweinjahrgang 2011 sind keine Gaumenschmeichler oder bereits sauffähige Suchtmittel. Das war unabhängig von den Anbaugebieten und Böden. Sehr viele Bittertöne, teilweise petrolig, teilweise hefig und unharmonisch. Zum Großteil waren die Tropfen schnell weg und mit Zitrus-Zunge ging es zum nächsten Wein, um wieder eher enttäuscht zu sein. Der erfahrene GG-Tester Grenouille fühlte sich an Jahrgänge wie 2008 erinnert, die jetzt großartig sind aber damals ähnlich unzugänglich. Manche Nase roch nach Klostein oder Katzenpisse (und auch in dem Metier ist Grenouille Experte!) und zum renaturieren des Weingeschmacks mussten die Orts- und Gutsweine herhalten. Sehr schön dafür war z.B. der Sauvignon Blanc vom Weingut Markgraf von Baden.
Relativ schnell sind wir auf Rotwein umgestiegen aber auch die Spätburgunder von 2011 waren kein Hochgenuß. Mit der Zeit bekam ich Angst vor den Tierschützern, denn auf meiner Zunge kam ein Pelz von stattlichen Ausmaßen zum Tragen.
So nüchtern sind wir noch nie aus Berlin wieder abgefahren.


Insgesamt haben wir knapp 60 Weine von 25 Weingütern probiert. Einzelne Weine kann man nicht herausheben. Überragend war Battenfeld-Spanier/Kühling-Gillot, gefolgt von van Volxem. Dahinter überzeugend Christmann, Dönnhoff, Peter Jakob Kühn, Adeneuer, Aldinger und Dautel.
Neugierig gemacht auf eine Nachprobe haben Pfeffingen, Fitz-Ritter, Wittmann, Stadt Lahr und Clemens Busch.

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