Spätburgunder rockt!

, am 08:00

Tour an die Ahr  12.-14.09.10

Dernau an der Ahr

Die Ahr ist nicht nur das kleinste Weinbaugebiet in Deutschland (und hat passender Weise auch den kleinsten Namen ;-)), sondern fristet in der allgemeinen Wahrnehmung auch ein eher stiefmütterliches Dasein, neben den bekannteren Gebieten wie z.B. Baden oder Rheinhessen. Interessant ist die Ahr vor allem deshalb, weil hier – im nördlichsten Anbaugebiet Westdeutschlands – vorwiegend Rotwein kultiviert wird, womit es sich fundamental von allen übrigen Regionen hierzulande unterscheidet. Das hat uns neugierig gemacht und unsere Entdeckerlust geweckt!

Den Anlass des FC St. Pauli Auswärtsspiels beim 1. FC Köln Mitte nahmen wir dankbar an und reisten nach Abpfiff der leider verlorenen Partie am Sonntagabend mit Umsteigen Bonn nach Dernau im Ahrtal, wo wir unsere große und preiswerte Ferienwohnung bezogen. Bei Tageslicht am nächsten Morgen staunten wir beim Blick aus den Fenstern erst mal nicht schlecht über die mächtigen Weinberge, die den Ort zu fast allen Seiten einrahmen.

Leere Straßen, volle Weinberge: Der Pfarrwingert
Wachsen die Berge ins Dorf oder umgekehrt?
Weinlese nur mit Fallschirm
Steile Erste Lagen: Pfarrwingert und Hardtberg

Diese sind mit bis zu 60 Grad Steigung ähnlich steil wie an der Mosel und wachsen bis ins Dorf hinein. Auch zwischen den Häusern und an jeder Ecke hängen Reben. Sieht toll aus!

Dernau red wine wonderland

Nach dem Erklimmen der beiden bekanntesten Weinberge Dernaus, Hardtberg und Pfarrwingert (beides vom VDP als „Erste Lagen“ qualifiziert), und dem Genuss der phantastischen Aussicht stand der erste Besuch eines Weinguts an: Ernst Sebastian.

Weinprobe bei Ernst Sebastian

Der Familienbetrieb besteht seit 1910 (yeah!) und wird in der vierten Generation von den beiden Töchtern Andrea Bertram und Ricarda Sebastian geführt. Auf 2,5 Ha Rebfläche werden überwiegend Spätburgunderreben angebaut. Die Probe wurde vom sympathischen Senioren-Ehepaar durchgeführt, das uns ein paar Anekdoten von früher erzählte, und dass die Enkelin Julia Bertram gerade zur Weinkönigin 2010 gekürt wurde! In guter Tradition, schließlich hatte Großmutter Rosemarie I dieses Amt 1959 inne. Ihre Majestät schaute dann auch auf nen Schnack und ein gemeinsames Foto rein, was uns genauso verzückte, wie die guten bis sehr guten Rotweine.

Royals unter sich

Insbesondere der Frühburgunder hatte es uns angetan, aber auch der Spätburgunder, dessen Flasche ein Bild Julias ziert. Auf einen Großstädter wirken diese Dorfsitten vielleicht etwas putzig, aber wir fanden´s total charmant.

Anschließend ging es zum VDP-Weingut Meyer-Näkel, das wenige Straßen entfernt seinen Sitz hat. Das Weingut existiert seit 1950 und wird von Werner Meyer-Näkel seit 1982 geführt. Er war Gymnasiallehrer für Mathe und Sport und fühlte sich als Quereinsteiger und Autodidakt von den großen Weinen der Welt inspiriert. Er experimentierte mit langen Maischestandzeiten und dem kleinen Holzfass und wird seit Anfang der 90er Jahre regelmäßig für seine Spätburgunder ausgezeichnet. Die Schieferböden seiner Lagen erwärmen sich leicht und auf den Steillagen des engen Tales wachsen die mineralischen und fruchtbetonten Weine. 90% der Fläche machen rote Rebsorten aus. Insgesamt 75% Spätburgunder und 12% Frühburgunder, Rest Weißburgunder und Riesling.

Genau unsere Kragenweite

Beim Betreten des Hauses merkten wir gleich, in was für eine Liga das Haus spielt, nämlich ganz weit oben. Hier werden Rotweine produziert, die zum besten gehören, was in Deutschland zu bekommen ist. Das hat sich auch herumgesprochen, so gehören u.a. die Bahn AG, die Sansibar, zahlreiche „Promis“ von Joschka Fischer bis Michael Schumacher sowie ne Menge Leute mit zu viel Geld aus dem In- und Ausland zu den Kunden. Wird man als Otto-Normal-Weintrinker da überhaupt empfangen? Nun, immerhin hatten wir eine Audienz einen Termin bekommen. Unser Gastgeber merkte auch schnell, dass wir nicht erst seit gestern Weine probieren und führte uns nach der Probe einiger schon sehr ordentlichen Rotweine in die sogenannte „Schatzkammer“ im Keller. Hier lagern die ganz dicken Geschosse, qualitativ wie quantitativ (Magnumflaschen bis 12 kg). Teilweise auch schon für bestimmte Kunden reserviert. Im Barrique ausgebaute Spätburgunder „S“, Blauschiefer, Sonnenberg, Pfarrwingert, Kräuterberg – Wahnsinn, was für Tropfen! Für letzteren muss man dann auch immerhin 65 Steinchen hinblättern. Beim „S“ und „Blauschiefer“ konnte man auch feststellen, was es geschmacklich heißt, aus einem „Jahrhundertjahrgang“ (2009) zu sein. Die sind jetzt schon fett, aber lass die mal noch ein paar Jahre reifen, die werden es mit jedem Spitzenwein dieser Welt aufnehmen können. Das war ein beeindruckendes Erlebnis!

Inzwischen hatten wir auch schon einen leichten Glimmer, ließen es uns aber trotzdem nicht nehmen, mit H.J. Kreuzberg auch noch ein drittes Weingut zu besuchen. 1953 gegründet wird es in der zweiten Generation mit 8,5 Hektar geführt. Im Jahr 2000 wurde das Haus in die VDP aufgenommen.

Kreuzberger Weine bei Nacht

Und wieder hieß es: Rotwein, Rotwein, Rotwein, und da vor allem Spätburgunder aus den Einzellagen Schieferlay, Sonnenberg, Silberberg und Hardtberg. Aber auch Pinot Noirs, Blanc de Noirs, Portugieser und Dornfelder werden produziert. Uns gefiel wiedermal auch der Frühburgunder, eine anspruchsvolle Traube, deren Anteil auch eher gering ist.

Nach drei Verkostungen mit vielen, vielen Weinen waren wir gedopt und in Topform und kletterten erst mal auf den 360 m hohen Krausberg samt Aussichtsturm. Und in der Dämmerung den steilen Trampelpfad im Laufschritt wieder herunter. Kinder und Besoffene haben einen Schutzengel… ;-) Danach aßen wir deftig und tranken nur noch Bier.

Am Dienstag früh war Rückreise nach Hamburg angesagt. Doch auf dem Weg wollten noch ein weiteres Haus besuchen: J. J. Adeneuer in Ahrweiler. Das VDP-Weingut ist seit über 500 Jahren im Familienbesitz und nennt sich selbst Rotweingut. Na, welch Überraschung an der Ahr… Zu den Spezialitäten zählt unter anderem die berühmte Lage Walporzheimer Gärkammer.

Die berühmte Gärkammer

Aus der Tradition heraus werden alle Weine – streng getrennt nach Lage und Rebsorte – im Holzfass ausgebaut. In den Hektaren wird zu 85% Spätburgunder, 10% Blauer Portugieser, 2% Frühburgunder und 3% Dornfelder angebaut.

Probieren geht über studieren: Adeneuer´s finest

Und wieder waren wir hin und weg von den Spätburgundern. Ganz großes Tennis! Vor allem die Großen Gewächse Gärkammer und Rosenthal rocken die Gustatorik. Die 09er waren größtenteils noch im Fass, aber wenn die versprechen, was die verkosteten 08er und 07er halten, dann wird das Champions League mit Sternchen. Wir gönnten uns schließlich ne Buddel „R“ für 45 Euro und die Rückfahrt war unser Freund…

2 Reaktionen zu “Spätburgunder rockt!”

  1. Weinbar St. Pauli we love you » @stpauli #FCSP

    [...] gibt es da zu hören. Entweder auf einer der vielen Lesungen (Programm) oder von den vielen Weinreisen, die das Barteam von Auswärtsreisen, bspw. nach Stuttgart, Hoffenheim, Kaiserslautern oder [...]

  2. Lasse

    Ein sehr cooler Bericht – Danke dafür! Ich muss zugeben, dass mir dieses Weinanbau Gebiet tatsächlich nicht bekannt war. Und das obwohl ich mich immer so großmundig als Weinkenner betitel. Schande über mein Haupt ;)

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