Die Region

, am 13:23

Tobias Sippel und Sidney Sam bei der Spielvorbereitung

Gemeinhin wird behauptet, dass der Pfälzer ein eigentümlicher Mensch ist, rustikale Fleischgerichte liebt und hervorragende Weine produziert. Wir geben natürlich auf Klischees und Gerüchte nichts und es war Zeit herauszufinden was daran ist. Die Anzahl der interessanten Weingüter wurde länger und länger und wir wählten aus den zehn Weingütern, die uns ansprachen diejenigen aus, die am nächsten zur Bahnstrecke von Mannheim nach Kaiserslautern und zurücklagen, da wir ohne Auto unterwegs und noch zum Spiel vom FC St. Pauli beim 1. FC Kaiserslautern wollten. Komfortabel ging es mit dem ICE und der Regionalbahn über Oggersheim (die Birne wurde allerdings nicht gesichtet) nach Bad Dürkheim. Am Fußballplatz und diversen Autohäusern vorbei ging es zum ersten Weingut unserer Wahl, zu Thomas Hensel (www.henselwein.de).

Weinprobe bei Thomas Hensel (rechts im Bild)

Thomas Hensel ist einer von den jungen wilden Winzern (laut Buchautor Stuart Pigott) und macht einige fette Weiß- und Rotweinbrocken. In einer rustikalen Weinstube seines Weingutes bekamen wir die ersten Weine von Patrick, einem seiner Mitarbeiter und Karlsruher SC-Fan, gereicht. Schon bei den ersten einfachen Weinen, von Hensel Aufwind genannt, hörte man das Schmatzen und wohlige Schnurren der mitgereisten Probewilligen. Das Weingut liegt direkt vor einem kleinen Flugplatz und die Weine von Hensel haben alle einen kleinen Flieger auf dem Etikett. Seine einfachen Lagenweine heissen Aufwind, die hochwertigeren Premium-Weine Höhenflug und bei den Rotweinen gibt es eine mächtige Cuvée namens Ikarus. Der Riesling Dürkheimer Steinberg, der Graue Burgunder Höhenflug, der Rosé aus Cabernet Sauvignon und Merlot, der Spätburgunder und schließlich der Ikarus waren die Offenbarungen des Tages. Nach ner halben Stunde kam Thomas Hensel dazu, lauschte unseren hochtrabenden Gesprächen über Fußball und Wein und bekam Lust mitzuprobieren und zu fachsimpeln über das abendliche Spiel, dass er ebenfalls als Fan des FCK besuchen wollte. Nach einigen weiteren Proben, die Cuvee de Merits eine Cuvee aus Trauben von Markus Schneider und Hensel fand nicht so gefallen, ging es zum Übermut. Ein Portweinähnliches Erzeugnis, dass Markus Schneider und Thomas Hensel unter fachlichen Rat von Dirk Niepoort aus dem Douro-Tal in Portugal, hergestellt hatten und der Eiswein von 200 ließen uns die Zeit, den Termin beim nächsten Weingut und das wichtige Spiel um die Tabellenführung der ersten Liga vergessen.

Die Auffahrt zu Thomas Hensel

Leicht beseelt und mit einer Flasche Rosé von Hensel für die Fahrt ausgestattet ging es mit dem Taxi von Bad Dürkheim nach Wachenheim und dem Weingut Dr. Bürklin-Wolf (www.buerklin-wolf.de). Ein hochklassiges, biodynamisches Weingut mit dem Schwerpunkt auf Riesling. Hier rächte sich mal wieder unserer Unwillen leckere Weine auszuspucken oder wegzugießen und leicht angetütert wurden wir in einen separaten Verkostungsraum geführt. Wir waren eine Stunde zu spät und hatten noch eine Stunde Zeit bis wir zum Zug mussten, um rechtzeitig in Kaiserslautern zu sein, Planungsfehler und einige gute Tropfen und eine interessante Möglichkeit den Riesling aus verschiedenen Lagen, Terroirs und Lese-Prozessen zu probieren ging etwas in Hektik und überlastete Gaumen auf. Wir probierten 12 verschiedene Riesling und zwei Rotweine, besonders hervorgetan waren die P.C. und G.C. Rieslinge aber auch die Guts- und Ortsrieslinge waren schon sehr lecker. Leider waren die Unterschiede nicht so richtig greifbar und wir etwas überfordert ob der Hektik und bereits bei Hensel probierten Weine. Wir lernten einiges über die Pfalz und insbesondere die Lagen Wachenheims, doch kurze Zeit später wartete schon das Taxi.

Viel zu wenig Zeit für viele sehr gute (Riesling)-Weine

Am Bahnhof in Neustadt an der Weinstraße stiegen wir in den dort wartenden Sonderzug der Kaiserslautern-Fans und machten es uns in einem 4er-Sitz gemütlich. Die vier leicht alkoholisierten Fans vom FC St. Pauli führten zu misstrauischen Blicken und gemurmelten Unwillen uns bei Ihrer Anfahrt dabei zu haben. Doch als wir die Flasche Rosé von Hensel öffneten, auf die mitgebrachten Gläser verteilten und die Pfälzer aufgrund ihres Konsums von Dosenbier belächelten änderte sich das Bild und im breiten Pfälzerisch wurden wir willkommen geheissen. Unsere Tipps für den abendlichen Ausgang des Spiels erwiesen sich im Nachhinein als Falsch und die Rückfahrt stand glücklicherweise erst für den Folgetag an, so dass wir die Wunden in den Kneipen rund um den Betzenberg bei einigen lokalen Brau-Erzeugnissen lecken konnten.

Da steht ja gar nix von Wein

Nach einem Katerfrühstück in der Pension am Hauptbahnhof bestiegen wir den Zug und machten uns auf zum Präsidenten der VDP (Vereinigung der Prädikatsweingüter) und zum biodynamischen Weingut A.Christmann in Gimmeldingen (www.weingut-christmann.de). Biologisch-Dynamisch ist eine Anbauform, die vom Anthropologen Rudolf Steiner gegründet wurde. Dabei werden die Böden, Pflanzen, Trauben, Randbepflanzung, Lese usw. in Abstimmung miteinander gemacht und auch die Mondphase werden beachtet und die Maische teilweise mit Musik bespielt. Von manchen anderen Winzern wird die Biodynamie als Sekte bezeichnet. Die Rückbesinnung auf die Natur und das Terroir führt allerdings zu durchgängig leckeren, eleganten und mineralischen Weinen. Am Weingut öffnete uns Christmann Senior und wir begannen die Weinprobe mit dem . Wir bekamen 5 verschiedene Riesling zu probieren und anstelle eines Glases für jeden, gab es hier einen Wein pro Glas so dass man mehr hin und her probieren konnte. Nach dem Riesling ging es an die weissen und grauen Burgunder und schließlich zu den Roten. Die Spätburgunder, der normale und noch mehr der Königsbacher Ölberg, waren eine Offenbarung auch der Riesling Gimmeldingen SC eine handselektierte Finesse und wir schwelgten vor uns hin, als auch schon das Taxi draußen hupte, um rechtzeitig für den ICE nach Hamburg in Mannheim anzukommen.

Alter Wein und junge Männer

Die Spesenkasse der Weinbar Sankt Pauli wurde kräftig belangt und Christmann Senior liess uns nicht gehen bevor wir nicht den Weinbrand XO probiert haben. Bei dem Weinbrand XO handelt es sich um zwei 1984 abgeerntete Weinberge, um dort wieder Riesling anzubauen. Diese wurden zum Weinbrand ausgebaut und 1984 in das große Holzfass gelegt. 2010, ein paar Wochen vor unserem Besuch, wurde der Weinbrand auf die Flasche gefüllt und wir hatten nun die schnapsdrosselige Ehre diesen Brand als Abschluß unserers Ausflugs in die Pfalz zu genießen. Und es war ein Genuß! Soviel Milde, ganz warmer, voller Mund mit einer leichten Schärfe beim Schlucken und jeder Brandy und Cognac musste sofort das Land und unsere Weinbar verlassen. Der Weinbrand schickte uns mit warmen Bauch und heissen Gedanken über den Aufstieg der Weinregion Pfalz in unseren Herzen zurück nach Hamburg. Die Weine von Hensel und Christmann haben einen festen Platz auf der Weinkarte der Weinbar Sankt Pauli gefunden und ein paar gute Tropfen auch den Weg in den privaten Weinkühlschrank.

Meine Top-3-Weine der beiden Tage:

  1. Weinbrand XO, A.Christmann
  2. 2008 Ikarus Barrique, Cuvée Cubin, Thomas Hensel
  3. 2007 Königsbacher Ölberg, Spätburgunder, A.Christmann
    Referenzweine für die Rückfahrt

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