Von Markgrafen, Kaisern und Herrenbergen

, am 15:04

Badischer Wein und Zement

Fussball und Wein, die perfekte Mischung für ein unterhaltsames Wochenende. Der FC St. Pauli macht sportlich und von der Geschäftsführung gerade Kopfschmerzen. Beim Wein oder bei Bränden bekommt man Kopfschmerzen, wenn der Wein unsauber hergestellt wird oder zu viele Fuselöle enthält. Das Präsidium des FC ist gerade voller Fuselöle und ärgert uns mit Entscheidungen aus dem Tetra-Pak bzw. gibt Handlese und alte Reben gegen schnellen Ertrag und große Mengen auf. Die vielgeliebte Millerntor-Lage wird ausgepresst und für den kurzfristigen finanziellen Erfolg werden Ideale und werterhaltende Maßnahmen aufgegeben. Soviel Widerspruch wollten wir dann noch potenzieren und suchten uns den kleinsten Weinbaubereich Badens, die Badische Bergstraße für den Besuch von Weingütern aus. Als Widerspruch gegen das kleine aber feine Gebiet stand dann zum Abschluss des Wochenendes die vollkommen durchkommerzialisierte Neuzüchtung 1899 Hoffenheim.

Weingut Seeger in Leimen

Mich führte es bereits am Donnerstag nach Müllheim bei Freiburg ins Markgräfler Land. In der malerischen Gemeinde stand das Weingut Schindler auf dem Besuchsplan. Ein kleiner Familienbetrieb mit 7,5 Hektar mit dem Schwerpunkt auf Gutedel (die Spezialität des Markgräflerlandes) und Spätburgunder. Alle Weine werden hier von Hand gelesen. Das Markgräflerland wurde lange von den Römern besetzt und eine der Lagen heißt auch noch Römerberg. Die Weißweine werden alle kaltvergoren, waren durchweg spritzig. Gutedel ist ne schöne Sache für den Sommer, heute bei -2 Grad schmeckte mir der Chardonnay von der Müllheimer Sonnhalde und der Spätburgunder aus der gleichen Lage besser. Der Spätburgunder war 6 Monate im Holzfass und schmeckte schön beerig. Im Anschluss gab es Wildschwein und hausgemachte Spätzle am Marktplatz. Essen und Weine im Markgräflerland waren schon mal ein schöner Start.

Am nächsten Tag ging es Richtung Heidelberg. Im Ortsteil Leimen kam auch Raphael mit hinzu und wir besuchten als erstes das Weingut Seeger. Vom Eichelmann-Weinführer 2011 wurde das Weingut ziemlich abgefeiert, die Rückmeldungen auf unsere Anfrage für eine Probe waren leider etwas unterkühlt und abweisend. Vor Ort stellte sich die Winzerin Kiesel allerdings als sehr freundlich und umgänglich dar, ganz im Gegensatz zu dem schroffen Ton der vorherigen Kommunikation. Wir konnten uns durch die Gutsweine probieren und es gab überhaupt keine Ausfälle. Von der einfachen SeegerWeiß-Cuvee (Rivaner und Weißburgunder) mit interessanten Nachhall und Maracuja-Noten über die Weißen Rieslinge und einen sehr kräftigen, etwas vanilligen Grauburgunder zum Rosé und den Rotweinen. 2010 gewann Seeger mit seinen Rotweinen einige Preise, der einfache Spätburgunder und Lemberger ließen Potential erkennen. Die „S“, „R“ oder mehrfach-R durften wir leider nicht probieren, dementsprechend können wir keinen Vergleich zu den von uns probierten Spätburgundern von Becker, Adeneuer, Meyer-Näkel, Aldinger oder Schnaitmann ziehen. Die Cuvée Anna gefiel uns aber sehr gut und eine Magnum-Flasche sollte nach dem Auswärtssieg die ICE-Rückfahrt verschönern (war dann ja leider nichts).

Einfahrt zu Adam Müller

Unsere bisherigen Besuche in Franken, an der Mosel, in der Pfalz oder Württemberg waren immer in pittoresken Weinorten. Leimen hingegen bzw. der Ortsteil von Leimen in dem die beiden Weingüter Seeger und Adam Müller sich befinden, ist ein Industriegebiet mit riesigen Zementwerk, Autohändlern und Baumärkten. An diesen vorbei ging es zum zweiten Termin bei Adam Müller. Dieser macht locker die vierfache Menge an Wein und hat auch die vierfache Menge an probierbaren Weinen. Das war selbstredend etwas zu viel und wir versuchten in der Masse des Angebots einen Überblick zu bekommen und uns einmal quer durch zu probieren. Sehr gut gefallen haben uns die Winzer-Sekte, die in der Flasche gären. Mir gefiel auch der Auxerrois, der Schwarzriesling und der feinherbe Spätburgunder Rosé sehr gut. Matthias Müller nahm sich viel Zeit und wir lernten einiges über die Gegend, die Gastronomie und Boris Becker.

Weinprobe bei Adam Müller

Erschreckend nüchtern (unser Training macht uns langsam Angst) machten wir einen kleinen Zwischenstopp im Hotel „Deutscher Kaiser“, um dann die Altstadt von Heidelberg zu besuchen. Eine Mischung aus Spitaler Straße, Hans-Albers-Platz und Puppenstube hat uns jetzt nicht so vom Barhocker gehauen, viele besoffene Kids und Junggesellenabschiede. Auf der Suche nach einem netten Restaurant mit badischer Küche landeten wir dann im „Schnookeloch“in einer Seitengasse der Unteren Straße. Beim Eintreten fiel der Blick auf einen Tisch voller Burschenschaftler und es roch nach Ärger. Bevor die rosa Kappen durch die Luft flogen konnten bemerkten wir, dass der gesamte Laden voller Burschenschafts-Zeug war und das Entfernen der Bilder und Schilder etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als die Wartezeit auf Schäufele und Käsespätzle zulässt. So ging es noch in die nette Weinbar „Oskar“ und von dort zurück in unser Kaiserreich in Handschuhsheim. Am nächsten Morgen frühstückten wir unter dem wachsamen Augen von Kaiser Wilhelm (oder war es Friedrich?), um gestärkt nach Rohrbach zu fahren zum Winzer Hans Winter.

Sack und Karre

Von der Größe des Weingutes lag er zwischen Seeger und Müller. Der Winzer machte extra für uns auf und wir konnten uns durch die Rieslinge, Burgunder und Dornfelder probieren. Besonders die barriqueausgebauten Dornfelder und Spätburgunder waren ein morgendlicher Gaumenschmaus, der von Goldmedaillen verwöhnte Blanc de Noir ließ die säurebetonten Rieslinge vergessen. Bei den Rieslingen konnte man die verschiedenen Gesteinsarten der Lagen schmecken. Gute Weine in einem sympathischen Weingut. Lasst Euch überraschen, was in Zukunft auf unserer Weinkarte zu finden sein wird.

Um die Mittagszeit war der Spaß dann vorbei. Ab in den Zug nach Sinsheim. Die Meckesheimer Legion mit Kategorie C-Aufschrift auf schwarzer Bomberjacke stieg hinzu und man wähnte sich im Mannheim der 80er Jahre. Rechtslastige Prollkultur stößt in Hoffenheim auf die gesamte Palette der Porsche-Autos. Thor Steinar hat auch ein paar Abnehmer und die jugendlichen Ultras versuchen so zu schauen, als wenn die schon vor den Ultras in Italien böse und schreckeinflössend waren. Die volle Bandbreite von fremdschämen bis auslachen war komplett dabei. In der Linde am Bahnhof wurde man freundlichst empfangen, das Bier schmeckte und die Maultaschen auch. Das Stadion bot das kompakte Event, die volle Unterhaltung, die kein normaler Fußball-Fan sich wünscht. Die erste Halbzeit wollte ich auch nicht und die letzten 5 Minuten haben uns die Rückfahrt bis Mannheim verhagelt. Typisch St. Pauli. Pech und Unvermögen verhinderten einen Auswärtssieg, den Punktgewinn der Hoffenheimer bekam ihr Publikum schon gar nicht mehr mit. Dafür war die Bahn nach dem Spiel auch schön leer. Der Dornfelder Barrique von Hans Winter war dann auch irgendwann leer und wir wieder in Hamburg.

Lecker Maultaschen

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  1. Berichte aus Hoffenheim » Sankt Pauli - NU

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