Von San Mames bis Rioja-Alta

, am 20:09

Fusel aus dem Rioja

Ein perfekter Ausflug für einen Gourmet-Fußball- und Wein-Liebhaber bietet Nordspanien bzw. das Baskenland mit dem nahe gelegenem Rioja-Alta. Bilbao ist nach Donostia/San Sebastian bekannt für die extrem leckeren und kreativen Tapas, die Altstadt für ganztägigen, gepflegten Wein- und Spezialitätenkonsum. Gut gelaunt ging es dementsprechend am Samstag Morgen mit dem Flieger nach Bilbao. Als erstes wurde die Bar Rio-Ja angesteuert, denn dort gibt es die besten Txipirones en su tinta (Tintenfische in ihrer Tinte). Man konnte schon die ersten Gesänge der angreisten Celtic-Fans hören und gut gestärkt ging es zum Poteo (Tour von Bar zu Bar) in das tiefe und undurchsichtige Straßengewirr der Altstadt Bilbaos. Die baskische Lebensart ist herrlich. Es gibt hunderte kleiner Tapas-Bars mit Chopitos (kleines Bier 0,1l) oder Cosicheros (Schluck Wein ca. 6cl) für 60 bis 80cent pro Glas. Bis zum späten Nachmittag genoss man so 20 Getränke in 20 verschiedenen Bars und gemeinsam ging es zum Stadion San Mames von Athletic Bilbao.

Aupa Athletic!
ProppeVOLLE Catedral!

Eine atemberaubende Atmosphäre beim fast ausverkauften Freundschaftsspiel zwischen Athletic Bilbao und Celtic Glasgow. Die beiden Fangruppen sind seit Jahren befreundet und den ganzen Tag wurde gemeinsam gefeiert. Der Eintritt kostete nur 10 Euro und alle Einnahmen kamen dem Jugendfußball der Bizkaya (Region rund um Bilbao) zu Gute. Das Spiel ging 0:0 aus und nach langen Jubelorgien nach dem Spiel ging es zurück in die Altstadt und in die diversen Kneipen. Am Sonntag ging es zum Ausspannen wieder in die Altstadt Bilbaos. An Sonn- und Feiertagen gibt es in vielen Kneipen „Rabas“, frittierte Calamaris. Allerdings nicht wie bei uns als Tiefkühlkost bekannt, sondern frisch geschnitten vor den Augen des Gastes und dann frittiert. Sehr lecker, dazu ein Glas Txakoli (frisch-fruchtiger Weißwein aus der Bizkaya) und ein Patxaran (Anis-Schlehen-Likör).

Txakoli, Patxaran und Txipiron

Montag strahlte die Sonne und mein Lächeln um die Wette. Es ging wieder ins Rioja, zum Besuch bei zwei Weingütern. Von Bilbao ist man in einer Stunde Fahrt dort. Ein paar baskische Freunde und ein Astrologe aus Hamburg begleiteten mich zu diesem schweren Arbeitstag im Rioja-Alta, dem höher gelegenen Teil des Rioja. Als erstes wartete Die Bodega La Rioja Alta auf uns bzw. sie tat es eher nicht.

Degustations-Raum von La Rioja Alta
Auf die Probe gestellt

Meine Bestätigungs-Mail ging wohl unter oder ich habe vergessen den Besuch zu bestätigen und wir konnten die Bodega jetzt nicht besuchen. Als Entschädigung durften wir aber kostenlos die Weine probieren. Die Traurigkeit hielt sich dementsprechend in Grenzen. Das Weingut gibt es seit 1890 und auf 425 Hektar werden nur Rotwein-Trauben (knapp 90% Tempranillo, dazu noch Graciano und Garnacha) angebaut. Alles wird per Hand gelesen und auf Chemie wird komplett verzichtet. Es ist eine der wenigen Bodegas, die noch einen eigenen Fassmacher hat und ihre Fässer selbst herstellt. Die Weine werden alle 6 Monate aus einem Barrique-Fass ins nächste gefüllt und die Weine werden anschließend noch immer auf der Flasche gelagert.

Mehr Punkte als St. Pauli, Athletic und Celtic zusammen

Verkostung bei La Rioja S.L.:

1. Vina Alberdi 2003 (9 Euro am Weingut)

Ein 100%-iger Tempranillo, der 2 Jahre im Barrique-Faß liegt, davon ein Jahr im neuen Fässern und zwei Jahre auf der Flasche. In Spanien wird er als Crianza verkauft, in Deutschland als Reserva, da die Deutschen bei Crianza nicht die Qualität erwarten die der Alberdi schon mit sich bringt. Es ist die einfachste Qualität des Weingutes und schon leicht samtig im Mund. Hat aber auch noch Frische und typische Tempranillo-Fruchtigkeit.

2. Baron de Ona Reserva 2005 (10,50 am Weingut)

Dieser Rotwein wird aus den Weinbergen der Bodega im Rioja-Alavesa (nördlicher Teil des Rioja) gewonnen. Sehr fruchtig, dezente Holzaromen. Mir allerdings etwas zu fruchtbetont.

3. Vina Ardanza 2001 (15,50 am Weingut)

Der Vina Ardanza ist der offizielle Reserva des Weingutes. In besonders guten Jahren wird er als Reserva Especial verkauft. 2001 war ein absolutes Topjahr im Rioja und dementsprechend tranken wir einen fetten Tropfen. 80% Tempranillo, 20% Garnacha. 3 Jahre in Barrique-Fässern und weitere 2 Jahre auf der Flasche. Mundfüllendes Aroma, leichte Würze, rundherum ausfüllende Fruchtigkeit und Röstaromen mit einem langen Nachhall. Der musste zweimal nachgeschenkt werden, um den Nachhall noch bis zur französischen Grenze zu transportieren. Großartiges Preisleistungsverhältnis!

4. Gran Reserva 904 1997 (23,50 am Weingut)

Wow. Mehr muss ich eigentlich nicht schreiben. Ein absoluter Topwein. Einziger Kritikpunkt ist, dass auch Parker den abfeiert. 90% Tempranillo und 10% Graciano machen einen sehr komplexen Gran Reserva. Dunkelbronzene Farbe im Glas, 4 Jahre im Barrique-Fass und 4 Jahre auf der Flasche. Viel Zeit wird investiert für einen großartigen Schluck. Frage mich bis heute noch wer mich eigentlich aus der Degustations-Stube rausgezogen hat. Freiwillig habe ich den Wein bestimmt nicht verlassen!

Bilderbuch-Essen

Jetzt war kurze Probierpause und im alten Kern der „Hauptstadt des Rioja“, in Haro, ging es zum Mittags-Poteo. Kleine Taparias und „Wein“-Bars säumten rund um die Kathedrale und das Rathaus. Es gab Basebälle, die sich nach dem Aufwärmen als Innereien-Kugel offenbarten (es schüttelt mich bei der Erinnerung an den dumpfen Nierenduft- und geschmack), 0,1l-Gläser Rioja-Reserva für 1,80 Euro und Gulas (kleine Glasaale) im Brötchen. Zum Abschluß tafelten wir ein leckeres 3-Gang-Menü für 10 Euro inklusive Wasser und gut trinkbaren Rotwein.

Mein Leuchtturm steht jetzt anderswo
Der Hahn im Korb

Der Verdauungsspaziergang führte uns dann direkt zur zweiten Bodega, zu Muga. Von außen ähnlich herrschaftlich wie La Rioja Alta und die lagen beide auch noch direkt nebeneinander. Hier bekamen wir auch eine 1,5 stündige Tour durch die riesigen Weinkeller und Fertigungsräume.

14.000 Fässer voller leckeren Wein
Alter Wein

Genauso wie bei La Rioja Alta hat Muga auch noch eigene Fass-Macher, wechselt den Wein von Faß zu Faß alle 6 Monate und macht alles von der Lese bis zur Fertigung mit der Hand. Bei unserem Besuch wurde gerade der Cava abgefüllt und es war ordentlich Betrieb. Über 14.000 Barrique-Fässer sind dort aufgestapelt und Weine bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts lagern in den unterirdischen Kellern. Ganz interessant die Tour, leider in einem ziemlich schnellen Spanisch und etwas zu lang. Mit trockenen Kehlen ging es in den Probierraum des Weinguts.

Verkostung bei Bodega Muga:

1. Blanco Muga 2010 (8 Euro beim Weingut)

Der Weißwein von der Bodega. Ganz frisch abgefüllt, gefiel mir trotzdem nicht so gut. Liegt 4 Monate im großen Holzfass. Man hatte wenig zu kauen aber vielleicht war ich auch zu sehr abgelenkt von der Balthazar-Flasche Prado Enea im Hintergrund.

Crianza von Muga

2. Muga Crianza 2007 (glaube 10 Euro beim Weingut)

70% Tempranillo, 2 Jahre im Barrique-Fass, 1 Jahr auf der Flasche. Sehr ölig im Glas, sehr dunkle Farbe. Schöne Frucht, wenig Holzaromen. Ein guter Wein zum Essen.

Die beiden Weine waren in der Führung inbegriffen. Wir setzten uns dann noch an den Tresen und bestellen glasweise die fetten Tropfen des Weinguts, die preislich zwischen 1,50 und 3,50 für 5cl liegen.

3. Seleccion Especial 2006 (18 Euro beim Weingut)

Nach dem Crianza die nächste Qualitätsstufe. Noch dunkler und öliger im Glas. 70% Tempranillo, 20% Garnacha und 10% Mazuelo und Graciano. 6 Monate in großen Holzfässern, 28 Monate im Barriques und 12 Monate auf der Flasche. Schönes Frucht-Vanille-Spiel im Mund, verflüchtet sich nicht sofort sondern beschäftigt die Geschmacksnerven noch ne gewisse Zeit.

4. Prado Enea 2004 (25 Euro beim Weingut)

Viel darüber gelesen und nicht enttäuscht worden. 80% Tempranillo, 20% Garnacha, Mazuelo und Graciano. 20 Tage in der Maische, 1 Jahr im großen Holzfass, 3 Jahre in Barrique-Fässern und mindestens 3 Jahre auf der Flasche. Gerade abgefüllt worden und ein ganzer Teppich voller Tannine legt sich auf die Zunge. Der Wein wird gefiltert mit Eiweiß. Die Maschine dafür durften wir auch besichtigen, waren schon ein irres Gebilde und sicherlich auch zum Kuchenbacken sinnvoll. Ein paar Flaschen haben es im Bauch des Flugzeugs nach Hamburg geschafft.

5. Torre Muga 2006 (39 Euro beim Weingut)

Für diesen Wein werden alte Reben genutzt und nur aus den Weinbergen direkt rund um den Turm der Bodega. 75% Tempranillo, 15% Mazuelo und 10% Graciano. Spontane Gärung ohne zugegebene Zuchthefen. Die Gärung findet in großen Steinbehältern statt ohne Temperaturkontrolle. Alles so, wie die Natur es machen würde ohne Eingriff von Technik oder Chemie. Die Maische kann bis zu einem Monat stehen. 6 Monate im großen Holzfass, 18 Monate in neuen Barrique-Fässern. Dickflüssiger Saft mit Engelstrompeten im Kopf beim Genuss. Schönes Ding. Kann aber sicherlich noch ein paar Jahre liegen.

3 dicke Dinger

Ich verwickelte daraufhin die Tresenkraft noch in ein Gespräch über den den teuersten Wein des Weinguts, den Aro. Warum ein 2006er so hochpreisig ist und so weiter. Sie bot ihn mir daraufhin kostenlos zum Probieren an, meine Antwort könnt ihr Euch vorstellen. Es klang wohl wie ne Meute voller Teenies beim Take-That-Konzert.

6. Aro 2006 (90 Euro beim Weingut)

Ein mächtiger Wein. Marmeladenartig windet sich der extrem fruchtig-samtige Wein durch die Mundhöhle. Ein fetter Tropfen aber für mich die 90 Euro nicht wert. Ein wirklich guter Wein aber der geschmackliche Unterschied zum Prado Enea ist zwar vorhanden aber dieser extreme Preisunterschied nicht nachvollziehbar. Für diesen Wein werden die ältesten Reben von den steilsten Lagen genommen und extrem aussortiert und in der Menge reduziert.

Ein schöner Ausflug ins Rioja. Allein in der einen Straße gab es noch 6 weitere Bodegas, davon kannte ich 4 vom Namen. Haro ist mal eine Weinbar-Tour wert. Kleines Städtchen mit toller Landschaft drumherum. Und ein Fussballstadion gibt es auch…

Grosse Feier für grosse Weine äh Vereine

3 Reaktionen zu “Von San Mames bis Rioja-Alta”

  1. D.Basch

    14.000 Fässer voller leckeren Wein?

    heißt es nicht DER Wein?
    war wer voller?

  2. Marcel

    Der Facebook Gefaellt mir Button wuerde sich gut im Blog machen, oder habe ich ihn uebersehen?

  3. heiko

    Wie voll? Warum sollte ich denn beim zweiten Weingut, Mittagspoteo, ner Flasche Wein zum Mittagessen voller sein als ein Barrique-Fass?

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