Die Messe ist gelesen äh getrunken!

, am 11:59

Eine von zwei Hallen voller Wein

Die verschiedenen Wein-Messen in Hamburg sind sehr unterschiedlich und zum Großteil einen Besuch wert. Man lernt neue Winzer kennen, neue Weine und teilweise erinnert man sich an großartige Winzer, Weine und Besuche. In Weinfachkreisen Hamburgs wird die Hausmesse von Kemnitz Weinhandel sehr oft empfohlen und am vergangenen Montag schafften wir es endlich mal der Einladung zu folgen und den Weg ins unwirtliche Billbrook anzutreten.

Hamburger Rotspon von Kemnitz

Jochen Kemnitz begann mit einem kleinen Weinladen in Bahrenfeld und ist heute stolzer Besitzer von riesigen Lagerhallen, Produzent von Hamburger Rotspon (in Hamburg cuvierter Bordeaux) und Vertrieb von vielen bekannten Winzern aus Deutschland, Europa und auch Übersee. Der Katalog zur Messe umfasste 65 Positionen, mehr als 30 Winzer waren persönlich anwesend. Unser Schwerpunkt sollte eigentlich Richtung der Probe von Sommerweinen gehen, da wir zum Sommer gern einen Sauvignon Blanc oder eine Scheurebe ins Programm nehmen wollen. Nach den ersten 3 Ständen verließ mich aber mal wieder die Disziplin und ich stürzte mich auf die bekannt-leckeren, roten Gaumenschmeichler von Salwey und Adeneuer. T. Yak hatte seine Zunge ebenfalls ausgeworfen und empfahl die Sauvignon Blancs von Skoff aus der Steiermark. Das Weingut Walter Skoff kommt aus Skamlitz und hatte 5 Sauvignon Blancs dabei. Durchweg gute Qualität, teilweise mit einer intensiven Mineralik. Die Muschelkalk-Böden in Verbindung mit der Kessel-Lage (morgens Sonne, die Wärme bleibt tagsüber erhalten aber die Weinberge sind dann im Schatten) machen Weißweine mit intensiver Aromatik und der typischen Zitrusnote vom Sauvignon. Auf jeden Fall interessante Vertreter der Traube, allerdings in den Spitzenweinen auch für uns als Bar nicht bezahl- bzw. glasweise verkaufbar (10 bis 25 Euro pro Flasche). Wer mal einen Wein von Skoff kaufen möchte, dem sei der 2010 Hochsulz empfohlen. Meine Begleitung A. Landegg und ich begannen den Probierzick-zack im Abfüllungslager von Kemnitz am Stand vom Weingut Dr. Crusius von der Nahe. Bisher habe ich nur Süßweine von Dr. Crusius probiert. Heute waren die 3 Rieslinge dran. Der „vom Fels“ und „Traiser Rotenfels“ waren erst drei Tage vor der Messe auf die Flasche gefüllt, waren noch extrem verschlossen mit frischer Säure. Das Große Gewächs Felsenberg von 2009 war ein satter Genuss. Tiefe Aromatik mit dezentem Säurespiel. Die 2006 Iphöfer Julius-Echter-Berg Riesling Spätlese von Hans Wirsching am Nebenstand hatte ähnliche Wucht. Dort probierten wir noch den Kabinett von 2009 und die Scheurebe von 2010. Scheurebe ist mir persönlich zu würzig aber das wäre schon was für den Sommer auf den Außenplätzen der Weinbar.

Sympathischer Winzer!

Das Weingut Löffler aus dem Markgräflerland in Baden hatte viele Weiß- und Spätburgunder dabei, wir probierten allerdings seinen 2009 Spätburgunder Kabinett trocken, ein im Holzfass ausgebauter, rauchiger Spätburgunder. Ganz lecker. Den Nebenstand von Salwey wollte ich eigentlich auslassen, denn die fantastischen Spätburgunder habe ich schon oft probiert. Doch als mich der 2009 Oberrotweiler Käsleberg und der „RS“ anlächelten und bronzefarben mein Glas füllten, war dieser Vorsatz schon gebrochen. Schon der einfache Qualitätswein ist ein Jahr im Barrique-Fass gelegen und umschmeichelt die Zunge. Salwey ist immer ein Besuch wert. Das ist natürlich auch Marc Adeneuer vom gleichnamigen Weingut aus Ahrweiler an der Ahr. Beim Fachgespräch über Abstiegssorgen unserer Fußballvereine labten wir uns (Raphael war auch noch dazu gestossen) an den verschiedenen Spätburgundern. Vom einfachen Qualitätswein bis zur Walporzheimer Gärkammer Spätburgunder Großes Gewächs von 2004. Diese kleine Premiumlage im Alleinbesitz ist der Hammer. Herr Kemnitz hatte noch den 2004er auf Lager und es war ein Genuss den probieren zu dürfen. Schmeißt weiter Eure Bierbecher, wir behalten unser Weinglas voller Beerenaromen und Samt. Tina Pfaffmann, Markus Schneider, van Volxem und C. von Schubert´sche Gutsverwaltung ließen Landegg und ich heute unprobiert. Das Foto vom Winzer im St. Pauli-Pulli zog uns magisch an und wir machten uns daran die Weißweine vom Weingut Bernhard Kirsten aus Klüsserath von der Mosel zu probieren. Sein Bruder arbeitet für den Trikotausstatter vom FC und er war jetzt schon mehrmals am Millerntor und trägt bei der Arbeit in den Weinbergen oftmals die robusten Kleidungsstücke des FC St. Pauli. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass zum Fussball Bier gehört?! Der Gutsriesling Klüsserather Bruderschaft von 2009 war ein guter Einstieg, der 2009 „Wolkentanz“ Riesling trocken war sehr würzig und lecker, getoppt noch vom 2008 „Herzstück“. Mosel-Rieslinge sind einfach immer eine spannende und leckere Angelegenheit.

Kunstvolles Dessert von Wullkopf

Bevor es in die erste und zweite Etage der Halle ging wurde sich erstmal an den Probierportionen aus der Showküche von Robert Wullkopf gelabt. Es gab Thunfisch auf Bananenbrot mit Ingwertomate und Koriandermajonnaise, Kalter Beeftea mit Creme fraiche und Rote-Beete-Schaum, Geschmorte Ochsenbacke auf Schalottenpüree und Morchelsauce, Hausgemachte Wildbratwurst auf Kartoffel-Sellerie-Stampf mit Pflaumensenf, Graupenmuschelrisotto mit gebratenem Fisch und Petersiliensaft und zum Abschluss ein Törtchen von Valrhona-Orange mit Rhabarber. Bis auf das Dessert, dass nicht so mein Ding war, alles sehr ambitioniert, toll angerichtet und sehr lecker. Von der Ochsenbacke musste ich noch eine zweite Portion essen, so weich war das Fleisch und würzig die Sauce. Wir Degustations-Teilnehmer haben es manchmal wirklich nicht so schlecht aber erwartet nicht, dass ich das jetzt alles für Euch in der Weinbar nachkoche.

Wohlgenährt ging es in die zweite Etage zu den Bodegas Sonsierra aus dem gleichnamigen Ort im Rioja-Alta. Alles reinsortige Tempranillo-Weine vom einfachen Tempranillo bis zum Gran Reserva von 2001. Durchweg gute Rioja mit dem Highlight des jährlich vom Önologen hergestellten Wein außerhalb der Vorgaben des Weinbauverbandes. Der wird immer in einer anderen Flaschenform abgefüllt, dieses Jahr eine viereckige Parfüm-Flasche und der Wein heisst auch „Parfume de Sonsierra“. Statt an den Hals haben wir das Parfume getrunken und es war ein untypischer, fruchtig-schokoladiger Rotwein. Ganz lecker aber mit 20 Euro auch nicht ganz günstig. Zur Zeit sind wir mit unseren Rioja-Weinen sehr gut ausgestattet aber Bodega Sonsierra kann man gern mal antesten, unprätentiös, klassisch und gut. Im zweiten Obergeschoss suchten wir den Abschluß in dicken, fetten Fruchtbomben aus Argentinien, Spanien und Portugal. Bei Bodegas O. Fournier aus Mendoza in Argentinien gab es einen fruchtig-kirschigen 2009 Urban Uco Malbec, einen 2006 Beta Crux aus Tempranillo und Malbec, der nicht so mein Fall war und ein 2006 Alfa Crux als reinsortigen Malbec mit ordentlich Holz- und Röstaromen. Der einfache Malbec hat mich am meisten angesprochen, der 50 Euro teure 2004 Tinta del Pais der Finca el Pinar in Burgos, der Zweit-Bodega von O. Fournier war schon eher ein Likör mit 14,5% Alkohol und fast portweinartigen Aromen. Die Atmosphäre in dem kleinen Raum war allerdings etwas zu unentspannt, um diese Weine richtig zu genießen und zu bewerten und mit dem fantastischen Abschluss-Glas eines 2007 Graham´s Vintage Port aus Porto ging es zurück ins Erdgeschoss zu Espresso und einer Käseprobe der Rohmilchkäserei Backensholzer aus Schleswig-Holstein. Schmackhafte Kuh- und Ziegenkäse in verschiedenen Reifestufen, besonders der warmgekäste Weichkäse war sehr lecker. Da wird die Milch noch euterwarm zu Käse verarbeitet. Ein Bio-Käsehof seit 20 Jahren, sehr empfehlenswert und gibt es auch in ausgewählten Märkten. Also haltet Ausschau nach dem Backensholzer (www.backensholz.de). 32 probierte Weine, wenig qualitative Ausfälle und sehr gutes Essen, eine gelungene Messe mit guter Auswahl an Winzern und Weinen von Kemnitz.

Eine Reaktion zu “Die Messe ist gelesen äh getrunken!”

  1. Delia Günther

    Hallo liebes Sankt-Pauli-Weinbar Team

    vielen Dank für den tollen Blog! Freut uns sehr, dass es Euch so gut gefallen hat.

    Liebe Grüße,
    Delia

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