Viel Wind um guten Wein

, am 13:05

Eingangshalle mit vielen guten Tropfen

Die Vereinigung der Prädikatsweingüter lud mal wieder zur “Präsentation von Weinen aus erster Lage”. Dieses Mal in Hörnum auf Sylt und an einem Montag. Weinbar Montag geschlossen, die Nordseeinsel immer einen Besuch wert und einfach per Zug zu erreichen. Frühmorgens machten sich A. Landegg und ich uns auf den Weg nach Westerland. Vor Ort leihten wir uns Fahrräder und radelten die 18 km von Westerland nach Hörnum. Selbstverständlich mit ordentlich Gegenwind (5 Windstärken) über die flache Ebene. Erste Gewächse wollen erobert werden und sind nicht im Spaziergang zu erreichen. Wir kämpften mit den Widrigkeiten und gönnten uns anschließend ein Fischteller und Elektrolyt-Getränk im Rostigen Anker in Hörnum. Das Golf-Hotel Budersand war am Ende des Hafens schon zu erkennen. Ein mondäner Glaspalast mit livrierten Empfangskomitee und verwaisten Fahrradständern. Hatten scheinbar nicht soviele Leute die Anreise mit dem Rad gewählt.

Von Clemens Busch bis Gunderloch

20 Winzerinnen und Winzer aus 11 Weinregionen hatten Ihre Großen/Ersten Gewächse aufgebaut und nach einem unfassbar teuren Espresso zum Munterwerden (5,50 Euro) stürzten wir uns ins Getümmel. Komischerweise waren wir fast die einzigen mit Namensschild. Neben einigen wohlgeschätzten alten Bekannten (Schnaitmann, Meyer-Näkel, Ruck, Christmann und Bürklin-Wolf) gab es auch einige Weingüter für mich neu zu entdecken. Der erste Besuch führte uns zum Weingut Gunderloch. Vorher noch nie gehört oder getrunken überzeugte das junge Winzerpaar mit mineralischen Rieslingen aus den Lagen Pettenthal und Rothenberg. Reife Fruchtaromen, satt und lang im Abgang. Guter Start. Am Ende probierten wir bei Gunderloch auch noch die Auslese Goldkapsel von 2007 aus dem Rothenberg und das war der absolute Gaumenschmeichler.

Seitenflügel mit Buffet

Wir blieben noch in Rheinhessen und tranken C. Grenouille zu Ehren die Aulerde und den Morstein von Wittmann. Wie immer sehr gute Qualität, der 2003 Morstein war natürlich schon eine ganz schöne Wucht. Das Weingut Clemens Busch von der Mosel stand nebenan und der Winzer sieht aus, wie ich mir einen Winzer vorstelle. Leicht abstehendes Haar, Bart. Er versteht aber auch noch ziemlich viel vom Weinbau und die sechs verschiedenen Großen Gewächse aus unterschiedlichen Schieferböden waren sehr lecker und spannend. Besonders der “Rothenpfad” hatte es mir angetan. Großartig. Neben Clemens Busch stand von Othegraven. Das Weingut ist ziemlich in die Öffentlichkeit geraten nachdem Günter Jauch von seiner Familie das Weingut offiziell übernahm. Leider gibt es die Weine jetzt auch bei der Metro und kommen für uns deshalb nicht mehr in Frage. Die Rieslinge waren intensiv-fruchtig, der Bockstein von 2008 mir schon etwas zu extrem mächtig.

Vom Mittelrhein hatte ich bisher noch nicht allzuviel probiert. Peter Jost und seine Frau vom Weingut Toni Jost Hahnhof boten uns den richtigen Einstieg in das Weinanbau-Gebiet. Der 2009 Hahn Riesling Grosses Gewächs ist eine absolute Bombe. Großartiger Riesling, frisch, knackig und würzig. Schießt sich in die Medaillenränge heute. Der 2007er vom Hahn roch n bisschen nach Katzenpipi aber ließ das Potential vom 2009er erahnen. Nur die Etiketten sahen eher nach Kinderbilderbuch aus.  Vom Mittelrhein kurz den Fluss überquert und bei Peter Jakob Kühn Halt gemacht. Der St. Nikolaus und der Doosberg waren gut aber gingen in der geschmacklichen Erinnerung an die Weine vom Toni Jost etwas unter. Außerdem hatte Kühn die undankbare Aufgabe neben dem Weingut Christmann aus der Pfalz zu stehen und meine Augen stierten schon auf dessen Grosse Gewächse. Das Ehepaar Christmann bot die gesamte Riesling-Palette der Grossen Gewächse. Die Cuvée aus Top-Weinen, biodynamischen Anbau und locker-bodenständig-netten Winzern macht mir immer wieder viel Spaß. Definitiv eins meiner Lieblings-Weingüter seit langer Zeit. Nicht nur deswegen haben wir auch immer noch den Spätburgunder bei uns auf der Karte. Heute probierten wir die Rieslinge Grosse Gewächse 2009 Reiterpfad, Langenmorgen, Mandelgarten und IDIG. Hinzu kamen noch der 2008er und 2007er IDIG. Wirklich oberste Liga, da wurde nichts weggeschüttet. Der Reiterpfad gefiel mir schon sehr gut, der etwas salzigere Langenmorgen besser und der Mandelgarten mit exquisiter Fruchtigkeit. Über IDIG muss man nix mehr sagen, werde mein erstes Kind danach benennen.

Anschließend gingen wir kurz ans Buffet zu kleinen warmen Snacks und Käse. So gestärkt besuchten wir Dr. Bürklin-Wolf mit seinen duftigen Riesling Grossen Gewächsen. Der Jesuitengarten roch wie ein frisch aufgeschnittener Granny-Smith-Apfel, das Ungeheuer tat seinem Lagennamen nach und schmeckte ungeheuerlich gut. Auch der Pechstein gefiel mir. Die Pfalz überzeugt mal wieder, auch wenn C. Grenouille immer eher auf die Nahe oder Mosel abfährt, ich bin vom Weinherzen her ein Pfälzer mit leichten Wurzeln im Rioja.

Braun-Weisse Designertoilette

Bei Dr. Wehrheim aus Birkweiler in der Pfalz tranken wir unseren ersten Rotwein, den 2007 Kastanienbusch Spätburgunder Grosses Gewächs. Sehr beerig, 18 bis 20 Monate im Barrique gelegen. Ein guter Start bei einem sympathischen Junior-Winzer. Nach 39 probierten Weissweinen (ausspucken ist nicht!) machten wir uns auf die Rotwein-Tour. Langsam ging auch die Zeit zur Neige und die Geschmacksnerven waren schon etwas angenagt. Bei Rotweinen geht man natürlich zur Ahr und A.Landegg stürmte voran, nicht ohne vorher bei Bickel-Stumpf aus Franken noch eine Kurz-Visite einzulegen. Der Winzer sah aus wie der Kapellmeister von Wangersen, der 2008 Johannisberg “Freiberg” Spätburgunder Grosses Gewächs war nicht ganz so beerig wie der Pfälzer aber wenn es diese Qualität als Messwein geben würde, wäre ich Stammgast in den Kirchen dieser Stadt.

Blick zurück Richtung Pfalz

Bei Weingut Schnaitmann erfrischten wir unsere Erinnerung an seine schmackhaften Grossen Gewächse des 2008 Lämmler Spätburgunder und 2008 Lämmler Lemberger. Dazu ein paar freundliche Worte über Abstieg von St. Pauli und Nichtabstieg vom VFB Stuttgart. Fussball & Wein zeigt die Ungerechtigkeit der Welt. Der VFB steigt nicht ab und hat vor seiner Tür zauberhafte Winzer wie Aldinger und Schnaitmann, St. Pauli steigt ab und hat vor seiner Tür nur labberiges Astra und vollgepisste Hauseingänge durch Vorstadt-Touroristen.

Zuguterletzt waren wir dann an der Ahr angelangt. Die Weine 44 bis 60 probierten wir beim Weingut Deutzerhof, Weingut Meyer-Näkel, Weingut Jean Stodden von der Ahr und Weingut Bernhard Huber aus Baden. Meine Bleistift-Aufzeichnungen werden etwas unleserlich und Kommentare wie “Toilette”, “Bitterfruchtig”, “Wow”, “Die will ich heiraten”, “Barrique-Gewitter”, “krasse Frucht”, “Bisschen Pelzmantel”, “mjammjammjam”, “Haben wollen”, “MEHR” und “die Welt ist schön” ziehen sich über die ganze Degustations-Katalog-Seite. Wenn ich mich zwei Tage später versuche zu erinnern waren der 2006 ECK Spätburgunder Grosses Gewächs vom Deutzerhof, die 2008 und 2007 Frühburgunder Pfarrwingert Grosse Gewächse von Meyer-Näkel, der 2008 und 2007 Kräuterberg Spätburgunder Grosses Gewächs von Meyer-Näkel, der 2008 Rosenthal Spätburgunder Grosses Gewächs von Stodden und der 2008 Schlossberg Spätburgunder Grosses Gewächs von Huber die Granaten unter den Bomben-Weinen.

Die letzten Meter durch die Verkostung gingen wir mit den ebenfalls angereisten Wein-Experten aus der “Traube” in Ottensen und baten inständig um Rückenwind für die Fahrt nach Westerland. Die Böcke standen noch frischgestriegelt vor dem Hotel. Wir haben natürlich zurück geschoben, zu fahren wäre unverantwortlich gewesen bei dem Promillegehalt im weingeschwängerten Blut.

Wein, Weite und Geradel

In der Fußgängerzone von Westerland gab es noch ein Referenzbier und das Overflow an flanierenden Touristen. Die Rückfahrt habe ich verschlafen.

Eine Reaktion zu “Viel Wind um guten Wein”

  1. C. Grenouille

    Moin,
    da mein Name hier wieder mal erwähnt wird: claro que si mag ich sehr wohl pfälzer Rieslinge. Den Idig würde ich mir jederzeit von Dir einschenken lassen…..
    Das Du hier den Hahn GG von Jost als Entdeckung feierst, wo ICH uns den vor nicht soooo langer Zeit als 07 auf ner ICE-Weinbartour schon kredenzt habe……
    Liebe Grüße vom hombre-rana

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