Kiecken kost nüscht

, am 15:49

Weinbarbesuche in Berlin, Juli 2011

In vino veritas

Ein paar Tage Berlin wurden auch dafür genutzt, um nebenbei mal die dortige Weinbar-Szene zu checken. Berlin ist nicht nur knapp doppelt wie Hamburg, sondern hat traditionell ein beträchtliches Maß an (Sub)Kultur und Gastronomie zu bieten. Vorweg gesagt: Ich war am Ende doch ein wenig enttäuscht, denn das Angebot war eher durchwachsen. Vielleicht waren meine Erwartungen auch etwas zu hoch. Aber der Reihe nach.

Natürlich haben wir in der Zeit nicht alle Weinbars Berlins besuchen können. Doch ich hatte vorab im Internet schon recht intensiv recherchiert und auch gefiltert. Es sollten keine Restaurants sein, die sich des Images wegen und/oder, weil sie vielleicht ne etwas größere Weinkarte haben, „Weinbar“ nennen, sondern mehr oder weniger „echte“ Weinbars.

Im Prenzlauer Berg, was für die Zeit unseres Aufenthalts unser Heimat-„Kiez“ sein sollte (die nennen hier echt alles Kiez, ts ts ts… ;-)), landeten wir eher zufällig in einem Tapaslokal namens Lafil (Kollwitzplatz). Das war schon mal ein guter Starter.

Alt & gut

Anschließend war das Weinstein (Lychener Str. 33) an der Reihe. Ein eher traditionell anmutendes Lokal, innen düster holzvertäfelt und mit dem üblichen Wein-Gedöns. Immerhin hat der original Berliner Kellner die Besichtigung seines Heiligtums mit den freundlichen Worten „Naja, kiecken kost nüscht!“ genehmigt… Dafür kann man aber schön draußen sitzen und die Weinkarte geht klar. Pluspunkte auch dafür, dass 0,1l-Gläser standardmäßig auf der Karte stehen. Preislich geht´s aber bei 2,60 Euro los – dieser Wein war aber „ausgetrunken“… Ich gönnte mir den 07er Schieferterrassen-Moselriesling von Heymann-Löwenstein (4,30 Euro), guter Stoff. Meine Begleitung schlürfte einen wirklich leckeren feinherben „Steinerd“-Riesling von Axel Pauly (3,50 Euro), ebenfalls Mosel. Unter dem Motto „Man gönnt sich ja sonst nix“ ließ ich mir den 76er (!) Grüner Veltliner Weinbrand der Freien Weingärtner Wachau (Österreich) bringen, das 2cl-Glas für 6,50 Euro. Bombe!

Direkt gegenüber befindet sich übrigens ein spanisches Tapasrestaurant namens Tres, unbedingt empfehlenswert. Eine mit viel Liebe zum Detail eingerichtete Location mit tollen Tapas, die man aus Spanien kennt. Die Boquerones waren first class und die Datteln im Speckmantel konnten wir uns nicht entgehen lassen, auch wenn die keinen Mandelkern hatten.

Un poco de comida

Ein Stück weiter, schräg gegenüber von einem brutalst hässlichen Multiplexkino, das hier wie ein Fremdkörper wirkt, befindet sich das Tapitas (Gleimstraße 23), was wir schon wegen des sympathischen Namen ansteuerten. Hier geht´s eher unkonventionell zu und der Stil mit kleinen Tapas zum Wein erinnert ein wenig an die Weinbar, wobei das Lokal gleichzeitig auch als Verkaufsladen genutzt wird. Der 08er Rioja Crianza von Dunviro (90 % Tempranillo, 10 % Mazuelo & Graciano) war mir zu weich und vor allem zu warm. Leider gibt es in 99% aller Restaurants und Bars Rotweine in Zimmertemperatur. Rotweine trinke ich am liebsten bei 17-18°C, im Sommer gerne auch noch ein paar Grad kühler. Konsequenz war für mich der Umstieg auf Weiß. Der 2010 Verdejo Vazadorado  bestach sofort durch seine intensive Nase, auf der Zunge war er fruchtig-frisch und kraftvoll. Ein fast typischer Vertreter, ich mag diese Sorte. Der weiße Bordeaux war leicht bitter, so la la, die sollen mal lieber bei Rotwein bleiben da an der Gironde. Der Blanc de Blanc aus dem Penedes dagegen von süffig-fruchtiger Statur, absolut trinkbar.

Für einen letzten Absacker ging es gleich bei uns um die Ecke in die Weinwirtschaft 28 (Zionskirchstraße 28). Einrichtung und Weinkarte fand ich beides nicht sehr aufregend. Fast nur Weine aus Österreich, dazu ein wenig Portugal. 0,1l-Gläser wollte sie nur bei Flaschen ausschenken, die gerade offen waren, hmmm… Der Portugieser von Dolle war aber super, aber wieder einen Tick zu warm. Dann noch ein Riesling von wasweißich, schöner Mineralölduft, Geschmack ok, recht trocken, aber nix, was hängen bleibt.

Das Yosoy

In Mitte waren wir nur an einem Tag. Nervige Gegend, voller Touris, hektisch, 08/15-Läden, relativ teuer. Doch ein per Zufall gefundener Lichtblick: Das Yosoy (Rosenthaler Straße 37), eine Tapasbar, die diesen Namen auch verdient, im Gegensatz zu den allermeisten Lokalen, die den Begriff „Tapas“ benutzen, aber nicht wirklich so sind, wie man es in Spanien oder Euskadi kennen und schätzen gelernt hat. Das Yosoy kommt dem schon sehr Nahe. Konzept, Einrichtung und Angebot sind 90 % tipico, die Tapasportionen waren für die Preise ordentlich, es gab ausreichend Brot. Und auch der obligatorische Verdejo überzeugte. Erstaunlich, so ein Lokal in dieser Ecke. Auf der anderen Seite gibt´s hier natürlich genug Laufkundschaft. Und den wohl größten Pfeffermühlenprügel der Berlins.

Immer mal was neues probieren…

Abends kehrten wir ins Frarosa (Zionskirchstraße 40) ein, wo wir auch das kleine, aber spannende Menu probierten. Bemerkenswert die Vorspeise, eine geeiste Melonensuppe im Glas. Nicht jedermanns Sache, aber für Leute, die gerne Neues probieren, natürlich was Interessantes. Auch die anderen Gerichte waren mit viel Liebe gemacht. Die Weinkarte war ok, alles auch in 0,1l. Der fränkische Grauburgunder vielleicht etwas belanglos, wogegen der junge und moussierende Pfälzer Riesling durch eine ausgeprägte Frucht überzeugte.

Am nächsten Tag wurde Kreuzberg erobert und das Noer (Falckensteinstraße 10) angesteuert, eine noch recht neue Weinbar, die auch gleichzeitig Verkaufsgeschäft macht. Die Einrichtung ist modern gehalten mit kleinen Vintage-Elementen, lichtdurchflutet und nicht so überladen. Finde das genau gut, man kann sich voll auf den Wein konzentrieren. Die Betreiber haben eine eigene Weinlinie, wobei die Weißweine weibliche und die Rotweine männliche Vornamen haben. Die Gläser sind ungewöhnlich, quasi wie normale Weingläser, nur ohne Stil, doch nicht stillos. Und auch die Preise sind absolut fair, alle Eigenmarkenweine kosten 2,00 € für 0,1l. Unbedingt besuchen, wenn Ihr in Berlin seid!

Abends kehrten wir dann ins Weinerei Forum (Fehrbelliner Straße Ecke Veteranenstraße) ein. Dort kann man frei probieren und trinken und anschließend einen Betrag nach Wahl bezahlen. Grundsätzlich ein fabelhaftes Konzept, genau mein Ding. Nur schade, dass die Auswahl der Weine nicht sehr spannend war. Bei den Weißen und Seccos fast nur Spanier, die Roten mutmaßlich fast alle im unteren Preissegment angesiedelt und zimmerwarm, was an diesem Sommerabend rund 26 Grad bedeutete. Einen Spucknapf gab´s nicht und man musste aus den berüchtigten Billig-Ballongläsern trinken, die man überall erwartet, nur nicht in einer Weinbar. Ansonsten eine schöne, mittelgroße Eckbar mit größerem Außenbereich. Also ruhig mal checken, den Laden.

 

Ballongläser auf der schiefen Bahn

Natürlich sind solche Eindrücke subjektiv und auch erhebt dieser Bericht keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Ihr in Berlin seid, besucht diese Bars einfach und bildet Euch Euer eigenes Urteil!

Gastartikel von Alex Rosenthal

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